Valerie Fritsch

Valerie Fritsch

Von betörender Schönheit ist Valerie Fritschs Sprache, mit der sie uns die Welt beschreibt; verzaubernd, faszinierend und überwältigend ihr zweiter Roman. In „Winters Garten“ setzt sie dem Weltuntergang eine auf Ewigkeit angelegte Liebe entgegen. Es sind magische Bilder von Leben und Tod, dem ständigen Werden und Vergehen, die sie mit großer sprachlicher Sicherheit in der ihr eigenen Musikalität kreiert. Das schmale, vielbeachtete Buch war auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2015 zu finden, Literaturkritikern gilt es als „Wunder“, als „Werk von archaischer, elementarer Wucht“ von singulärer Tonalität. Und wohl nicht zuletzt angesichts des jungen Alters der beim diesjährigen Bachmann-Wettbewerb doppelt ausgezeichneten Autorin – sie ist 1989 in Graz geboren – fragt der Schweizer Autor Jürg Laederach: „Was macht Valerie Fritsch im Rest ihres Lebens, wenn sie jetzt schon so gut ist?“

Fritsch, die an der Akademie für angewandte Photographie in Graz studierte, bezeichnet sich selbst als Reisende. Sechs Monate im Jahr sammelt sie Sinneseindrücke in Asien, Indien und immer wieder auf dem afrikanischen Kontinent.

Zwischen Lesereisen, denen derzeit viel Raum gewidmet ist, verabredeten wir uns mit Valerie Fritsch in ihrer Heimatstadt Graz. Sie führte uns in einen Wald inmitten der Stadt, auch ein Reh zeigte sich.

Text: Eva Straka  |  Fotos: Markus Thums

Frau Fritsch, Sie sind die Hälfte des Jahres auf Reisen. Die Vermutung liegt nahe, dass Sie ein neugieriger Mensch sind.

Ich glaube, ich bin entsetzlich neugierig. (lacht) Jetzt, wo ich auf der Welt bin, möchte ich sie auch sehen. Möglichst viel von dem, was sie zubieten hat.

Was war der Impuls für den ersten großen Aufbruch in die Welt?

Tatsächlich klassisch das Bedürfnis, dem Fernweh zu folgen. Und etwas Fremdes zu sehen und sein Hirn damit zu konfrontieren. Man wird so gemütlich, wenn man immer das Gleiche sieht und das Gleiche macht. Ich nutze das Reisen schon dafür, dass man im Hirn mobil bleibt und dass man Gewohnheiten – auch wie man denkt– ablegt und feststellt, was alles möglich ist in der Welt. Und es ist ziemlich viel möglich.

Ihre Reiseziele liegen weit außerhalb der klassischen Touristenrouten. In Ihren Reisebriefen und Fotografien – veröffentlicht unter dem Titel Die Welt ist meine Innerei – entfalten Sie „ein Verzeichnis der Sehnsucht und einen Katalog der Orte und: einen Speicher aller uralten Dinge, denen man allerorts begegnen kann.“Wird die Welt durch das Reisen größer oder kleiner?

Beides gleichermaßen. Das Fremde wird einem überall vertraut und irgendwann ist man überall zu Hause. Es gibt keinen singulären Ort, an dem ich das besonders empfinde. Es sind immer die Wege.

Und gerade am afrikanischen Kontinent diese irrsinnigen Weiten, diese Größen, die man sich nicht vorstellen kann. Diese sieht man vielleicht im Fernseher, in Universum, aber da versteht man nicht, dass man irgendwann drinstehen kann und winzig klein ist und alles andere riesengroß.

Was hat Sie daran gereizt, die Welt in Ihrem Roman „Winters Garten“ dem Untergang zu weihen?

Eigentlich ist das ganz spontan entstanden. Ich habe mit meinem kleinen Bruder, er war damals 15, und mit seinen halbwüchsigen Freunden im Auto geredet, welche Freiheiten sich ergeben würden, wenn plötzlich die Welt aufhören würde. Wenn man nicht groß werden müsste, wenn man kein seriöser Erwachsener sein müsste, wenn alles zu Ende ginge– was würden sie noch machen wollen? Wir haben bei einer Autofahrt so ein Tableau entworfen, Anarchie, die dann passieren würde, aber auch, was trotzdem wachsen würde. Das war eigentlich der Hauptpunkt, der mich interessiert hat: Was wächst gegen alle Widerstände, wenn alles zum Teufel geht?

Anton Winter, Sohn eines Geigenbauers und Protagonist Ihres Romans, erlebtin einem paradiesischen Garten„eine heilige Kinderzeit“ in einem großen Familienverband „zu einer Zeit, als man noch in ein Schicksal hineingeboren werden konnte“. Heißt es im ersten der acht Kapitel noch: „Alles hatte Platz in diesem Garten. Nichts war unmöglich damals“,so verändertsind die Vorzeichen in Folge: Erwachsen lebt Anton als Vogelzüchter in einem Glaskubus auf dem höchsten Haus der Stadt. Die Welt ist – wir erfahren kein Warum – dem Untergang geweiht.

Es reduziert sich alles herunter, durch das Setting ist alles sehr puristisch: man darf sich mit den großen Fragen, die bleiben, beschäftigen.

Diese Konzentration des Erlebens auf das Gegenwärtige, Existenzielle durch die fehlende Zukunft entwerfen Sie in rauschhaften, sinnlichen Sprachbildern. Der Endlichkeit der Zeit stellen Sie die Zeitlosigkeit einer auf ewig angelegten Liebe entgegen, dem Werden das Vergehen. 

Für mich sind das Parallelwelten, die auch parallel zueinander funktionieren. Im Paradies werfen sich die Schatten schon relativ früh, aber auch als schon alles untergeht, wachsen viele Dinge noch weiter. Ich mag eher dieses Trotzdem: was trotzdem passiert.

Das vielleicht größte „Trotzdem“ ist die Liebe. Anton Winter verliebt sich„nur Wochen bevor die Welt untergehen würde…das erste Mal in zweiundvierzig Jahren unsterblich.“Was ist Liebe?

Der Kitt, der alles zusammen hält. Lieben, das ist, glaube ich, wie das Sterben in einem angelegt, vielleicht als Gegensatzpaar im Menschen. Vielleicht macht das eine das andere erträglich.

Das Vergehen, der Tod sind in der Gartenkolonie selbstverständlicher Teil des Lebens. Die Großmutter bewahrt ihre Fehlgeburten in Gläsern eingelegt in der Speisekammer auf, weil sie sich nicht trennen mag. Anton verbringt viele Stunden mit diesen Wesen, sie „erscheinen ihm wie ein Ruhepol in diesem Haus und Garten, in dem Tag für Tag so vieles lebte“. Man unterstellt Ihnen bisweilen eine Liebe zum Dunklen und Obskuren.

Es ist natürlich ein Klischee, wenn man das so ausdrückt. Ich kategorisiere die Dinge, die ich mag und die mich faszinieren, nicht. Aber vermutlich kann man es unter den Begrifflichkeiten zusammenfassen – für viele Leute wirkt es wohl dunkel und bedrohlich und absonderlich. Und ich kann verstehen, wenn man die Worte dafür wählt. Aber ich bin halt nur neugierig darauf. Es zieht mich hin. Auch zum Tod und allen endlichen Sachen. Das ist so eng verknüpft mit der Liebe, mit der Familie, mit dem Zyklus der Welt. Es ist ja nicht so, dass es gleich pathetisch ist, weil der Tod vorkommt. Der kommt sowieso immer und damit auch immer vor. Das Sterben ist ja einfach angelegt in allem, was da ist. Das Sterben lenkt vieles und formt die Menschen, auch wenn es nicht vollzogen wird.

In den Kritiken zu Ihrem Roman war von einer „Symphonie vom Untergang der Welt“ zu lesen, von Sprachbildern von „großer gesetzter Schönheit“, Stimmungsfarben, die „das Dunkle hell, das Schwere leicht“ erscheinen lassen. Wann stimmt ein Bild?

Ich fühle mich beim Schreiben immer mehr, als würde ich komponieren, nicht so sehr, als würde ich tippen, eher als würde ich eine Art Weltmusik oder Weltordnung zusammenfassen. Und das beginnt wirklich im kleinsten Bruchstück eines Buches, also in einem Satz. Und jeder Satz muss in sich schlüssig und stimmig sein. Jedes Bild muss da ein Ganzes ergeben und das reiht sich dann vom Kleinsten bis in ein Kapitel bis in ein Buch. Stück für Stück, wie ein Baukastensystem, wo alles ineinander passen muss, sonst stimmt das große Ganze schlussendlich nicht.

Gibt es zuerst das Bild oder ist da eine Gleichzeitigkeit? Man sagt ja, Denken und Sprache ist wie eins.

Das folgt für mich einer inneren Logik. Sprache ist für mich die Folgerichtigkeit eines Bildes und umgekehrt. Ein Satz, der für mich rhythmisch nicht funktioniert und der sich nicht eignet, laut gedacht zu werden, ist für mich ein Satz, den ich nicht schreiben kann.

Lesen Sie Ihre Texte laut?

Ganz am Schluss. Beim Denken hört sich das schon richtig an. Ich habe da einen eigenen Rhythmus, der funktioniert oder eben nicht. Und am Ende reduziere ich nochmal ganz viel runter, bis nur noch das dasteht, von dem ich wirklich will, dass es dasteht. Lieber weniger als mehr. Deswegen ist es auch ein dünnes Büchlein geworden.

Was steht am Beginn Ihrer Arbeit?

Ein Bild, eine fremde Welt und jemand, der diese Welt bewohnen kann. Den Figuren nähert man sich an, man wächst zusammen. Man macht auch alle Pubertätsgeschichten einer Figur durch, schwierige. Die Geschichte entwickelt sich tatsächlich kapitelweise, wie ein Stufenbau. Ich kenne mich ja anfangs nicht aus in meinen eigenen Büchern, wohin sie gehen oder wer dann tatsächlich darin mitspielt. Das wächst organisch mit einem mit. Überrascht einen, manchmal erschreckt man sich auch. Und irgendwann ist man unversehens fertig.

Im Prozess dann beginne ich zu strukturieren. Ich bin ein großer Fan von Listen und Mindmaps und male auch gern. In allen Lebensbereichen bin ich ein großer Listenfreund. Ich liebe Strukturen per se, Ordnung. Auch diese sprachliche Ordnung. Für mich geht inhaltliche mit sprachlicher Ordnung einher.

Ihre Bilder einer üppigen, prallen Welt der Verwesung evozieren das Gegenteil von Ordnung.

Das stimmt. (lacht) Chaos ist ja die Revolution von Ordnung. Vor allem im sprachlichen Sinne und auch thematisch braucht man ein bisschen diese Struktur, dass man das alles explodieren lassen kann in diesen üppigen Bildern. Das ist eine große Präzisionsarbeit.

Wie lange haben Sie an Ihrem Roman geschrieben?

Mit Unterbrechungen zweieinhalb, drei Jahre.

Ist es schwer, loszulassen? Wie nähert man sich dem Ende?

Bei mir kommt da immer ein bisschen die Ungeduld ins Spiel. Ich sage dann voraus, es wird noch drei Wochen dauern auf Grund der letzten Arbeitsprozesse, bis ich ganz fertig bin. Das ist dann der Punkt, wo ich weiß, jetzt bin ich wahrscheinlich in drei Tagen fertig, weil es mich nicht mehr freut. (lacht) Weil es am Schluss nochmal so raus eruptiert und dann ist da ein Punkt und man denkt sich: passt. Auf die letzten drei Seiten, die ich mir noch gedacht habe, verzichte ich jetzt. Selbst ist man überrascht – aber auch froh, weil der Wahnsinn aufhört. Weil am Ende eines Buches ist man, ich zumindest, dem Wahnsinn schon recht verfallen. Das Loslassen wird irgendwann lebensnotwendig. Auf den letzten Seiten, in den letzen Arbeitswochen, erkenne ich mich manchmal im Spiegel schon nicht mehr. (lacht) Ich trage nur noch meinen Pyjama, höre ganz viel eigenartige Musik, räume verwirrt die Socken in den Kühlschrank, statt in die Schublade, und bin dann auch erleichtert, wenn man sich diesem Rausch wieder entziehen kann.

Was braucht Kreativität?

Hunger. Ich glaube, in erster Linie Hunger auf etwas. Und irgendwann vielleicht eine gewisse Sattheit von etwas. Eine Fülle, aus der man schöpfen kann und will für sich selbst.

Brauchen Sie für das Schreiben einen bestimmten Raum?

Ich habe gelernt, in jeder Situation schreiben zu können. Neben mir kann theoretisch etwas explodieren, es kann auch sehr laut sein. Ich kann in einer Bahnhofhalle, auf einem Flughafen schreiben. Neben meiner sehr lauten und chaotischen Familie. Oder wo auch immer. Ich habe festgestellt, das kann man nicht davon abhängig machen. Ich könnte einfach praktisch nicht arbeiten, wenn ich sehr ruhebedürftig wäre und einen ganz geschützten Raum bräuchte. Das wäre für mich dann nicht möglich (lacht). Am liebsten habe ich es, wenn ich das Internet da habe, um parallel recherchieren zu können. Am besten läuft auch noch Musik. Ich habe auch nichts dagegen, wenn mich Leute zwischendrin etwas fragen im Arbeiten. Störte mich das, wäre das Schreiben mit meinem Leben nicht vereinbar. Ich habe quasi einen organischen Arbeitsprozess. Die Welt hört ja nicht auf zu existieren. Eine praktische Welt, in der man lebt und in der Dinge passieren, Krankheiten, Familie, Überraschungen, das setzt ja nicht aus, nur weil man einen Roman schreibt. Das muss man versöhnen können.

Das Schreiben gilt vielen als einsamer Vorgang.

Es kann ein sehr einsamer Vorgang sein. Es muss nicht, es kann auch ein sehr sozialer sein. Gerade wenn es fertig ist, kann ein Buch wirken wie ein Interface. Das war schön, als Winters Garten erschienen ist, und in den ersten Tagen schon klar war, das verkauft sich gut. Und ich habe das Gefühl gehabt, ich sitze jetzt in Graz, in meinem kleinen Sessel, wo ich es geschrieben habe und es gibt jetzt auf jeden Fall gerade mindestens 100 Menschen, die es irgendwo am Nachttisch liegen haben, wie ein Fenster, das alle verbindet miteinander. Das fand ich eigentlich sehr sozial. Das fand ich dann gar nicht einsam, sondern ganz verbindend, ein Fenster, wo alle ein bisschen durchschauen.

In Ihren Reiseberichten und Ihrem Roman wird ein großes Universalgefühl, ein Verbunden-Sein mit allem spürbar. Nehmen Sie so die Welt wahr?

Für mich persönlich schon, ja. Wahrscheinlich fehlen mir einige Grenzen, die für andere Leute ganz normal sind. Auch im sozialisierten Bereich. Gar nicht nur auf Reisen bezogen oder auf große Dinge, sondern auch auf die ganz kleinen Sachen. Ich merke das immer wieder an Kleinigkeiten, wie viele Menschen mit mir kommunizieren, über Dinge, über die sie noch nie mit jemandem geredet haben. Weil ich die soziale Grenze nicht beachte – was man fragt, was man tut – weil sie mir nicht liegt. Und dass man sich plötzlich viel näher ist, als man es sein sollte aufgrund des Diktats eines normalen Lebens, wie die Gesellschaft halt funktioniert. Und vielleicht ist es das. Ich habe mit meinen Großeltern zum Beispiel eine Beziehung, die ungewöhnlich intim ist und die vor nichts zurückschreckt: ich schaue mit meiner Großmutter manchmal Pornos an, weil sie das interessiert. Es ist ein totales gesellschaftliches Tabu, dass man mit alten Menschen über Sex spricht. Ich wollte nie, dass ein Teil meines Lebens, der irgendwann natürlich Sexualität beinhaltet hat – auch als ich für mein erstes Buch recherchiert habe, über Prostitution, über Bordelle – ich wollte nie, dass das etwas ist, worüber ich nicht reden kann mit Menschen, die ich liebe, auch wenn sie jenseits der 80 sind, eine Kriegsgeneration aus konservativem Haus. Und es funktioniert gut diese Grenzen niederzureißen. Die Leute sind sehr flexibel und ich habe das Gefühl, es bereichert sie. Und es macht ein Verhältnis um so vieles intimer und näher, wenn man grenzenlos miteinander kommuniziert.

Das tut mir ganz leid für Leute meiner Generation, die so ein entferntes Verhältnis zu diesen alten Menschen haben und dadurch auch ein sehr entferntes Verhältnis zum Tod oder zu Abschieden. Oder zu Lebenserfahrungen. Ich habe so viel von den Lebenserfahrungen und dem Schicksal meiner Großeltern profitiert. Von ihren Geschichten, auch von ihren Fehlern. Ich habe mir das immer sehr sehr gerne angehört.

Ihre Mutter Gudrun ist Lyrikerin, gemeinsam haben Sie den Gedichtband „kinder der unschärfenrelation“ realisiert. Das „sterbegedicht“ Ihrer Großmutter beschließt den Band.

Die Geschichten und die Sprache kommen sicher auch von meiner Großmutter.

Ist Ihre Mutter für Sie eine Instanz, jemand, der Ihre Texte früh zum Lesen bekommt?

Unbedingt. Und ich wäre wirklich besorgt, wenn meine Mutter sagen würde, es wäre schlecht, oder es wäre sehr schlecht und ich würde mir große Sorgen machen, dass es tatsächlich vielleicht schlecht ist. (lacht) Was ich wahrscheinlich nicht vielen Leuten zubilligen würde, dass sie das erschüttern können, wenn ich mir eigentlich denke, es ist gut. Aber meine Mutter hätte diese Macht wahrscheinlich schon. Also nicht aufgrund ihres Mutterseins, sondern aufgrund ihres fundamentalen germanistischen Wissens und ihrer großen Belesenheit.

Sie haben am diesjährigen Wettlesen um den Bachmann-Preis teilgenommen, Ihr Text „Das Bein“ wurde mit dem zweiten Preis, dem Kelag-Preis ausgezeichnet. Das Publikum kürte Ihre Erzählung über einen alten Mann, einen ehemaligen Tänzer, der den Verlust seines Beins nie überwinden konnte, zum besten Text. Wie haben Sie die Tage in Klagenfurt erlebt?

Das waren absonderliche Tage an einem absonderlichen Ort. In dieser kleinen Provinz, wo sich dann alles um Literatur dreht oder zu drehen glaubt. Und ständig drüber geredet wird. Das ist ein Literaturtribunal in der Öffentlichkeit, ein bisschen erinnert es an die Hunger Games, wie Ronja von Rönne gesagt hat. Die Autoren schließen sich untereinander zusammen als Phalanx gegen alles, was von außen kommt, weil es einfach eigenartig und unangenehm ist, so auf der Präsentierscheibe zu stehen. Ständig will jemand richten: ist es gut, ist es schlecht. Nach diesen Tagen waren alle sehr erschöpft und ich glaube, jeder einzelne Mensch war froh, Klagenfurt wieder zu verlassen. Literatur macht schon sehr müde nach ein paar Tagen. Es ist einfach zu viel, man kann’s übertreiben mit ihr. Ich hatte glücklicher Weise eine gute Entourage, mein Lebenspartner, mein Regisseur, der das Video für das Bachmann-Porträt gemacht hat, haben mich wirklich Tag und Nacht begleitet. Die meisten Autoren haben sich sehr zurückgezogen. Weil man das Gefühl hat, das ist tatsächlich eine Ausnahmesituation, ein Marathon, ein Extremumstand. Man muss Abstand dazu halten, man muss sich zurückziehen. Am liebsten sind alle in ihrem Hotelzimmer gesessen.

Können Bücher die Welt verändern?

Ich glaube, es können ganz viele Dinge und vor allem auch Kunst und Literatur die Welt verändern. Auf ganz pragmatischen Ebenen, aber auch auf ideellen. Also zum Beispiel, wenn Fifty Shades of Grey auslöst, dass hunderttausende Leute in Baumärkten beginnen Kabelbinder zu kaufen, und man mehr Kabelbinder produzieren muss, weil es zu Engpässen kommt, verändert das die Welt auf eine ganz pragmatische Weise. Und wenn Menschen Bücher lesen, die sie sehr berühren oder einen neuen Gedanken ins Hirn pflanzen, verwandelt das die Welt auch.

Welche Autoren haben Ihre Welt beeinflusst?

Herta Müller. Oder auch tatsächlich die Kinderbuchautoren meiner Lesekindheit, Autoren wie Erwin Moser. Die Geschichten begeistern mich heute noch genauso wie damals. Und ich liebe sie. Ich bin mit so vielen Kinderbüchern aufgewachsen, das hat mein ganzes Weltbild schon geprägt. Ich glaube, da hat alles seinen Anfang genommen.

Sie schreiben auch Listen mit Ihren Wünschen. Den Wunsch, bis zu Ihrem 25. Lebensjahr bei Suhrkamp einen Roman zu veröffentlichen, konnten Sie bereits erfolgreich abhaken.

Als Teenager habe ich gerne 10-Jahres-Listen geschrieben. Was möchte ich in den nächsten zehn Jahren alles machen und erreichen? Ich habe immer gefunden, wenn man große Wünsche und Träume hat, soll man daraus die Verpflichtung zum Handeln ableiten. Sie sich auch zu erfüllen.

Leben Sie Ihren Traum?

Wirklich sehr.

Haben Sie damit gerechnet, dass Ihr Roman so ein großer Erfolg wird?

Man hofft es. Rechnen kann man damit nicht, aber man kann sich unerhört darüber freuen.

Leitet sich aus dem Erfolg eine Verantwortung für das eigene Tun ab?

Ich glaube, die Verantwortung ist die, dass das nächste Buch mindestens so gut sein muss wie das vorangegangene und sich nicht wiederholen darf. Das spüre ich schon. Deshalb braucht es auch Zeit, bis ein neuer Roman entsteht. Ich muss erst wieder denken und leben und ein bisschen Zeit haben, damit wieder etwas Neues in mir wächst, das dann heraus kann. So ein Abklatsch vom Alten, das ist nicht wünschenswert.

Woran arbeiten Sie derzeit?

Ich arbeite gerade an einem Drehbuch, an einem Kinofilm. Aber eben sehr langsam zwischen den Repräsentationsterminen, den ganzen Sachen. Aber ich merke schon, es brodelt, es will schon wieder etwas raus. Ich wollte immer gerne ein Drehbuch schreiben, das stand auch auf einer meiner Listen. (lacht) Nein, ich finde, 26 Buchstaben, damit kann man alles machen. Ob das jetzt Drehbücher sind oder Lyrik, Theaterstücke oder eben Romane. Das ist alles Sprache und da will ich schauen, was sich damit noch alles anstellen lässt.

Wie geht es Ihrer Familie damit, dass Sie ein so mutiges Leben führen? Die nächste Reise findet sich bestimmt auf Ihrer Liste.

Meine Eltern haben mich zu einem sehr selbstständigen, mutig denkenden und freien und auch den humanistischen Idealen unseres Haushalts folgenden Menschen erzogen. Und am Anfang haben sie sich ein bisschen erschreckt, wie sehr ich das geworden bin. (lacht) Mit dem Reisen kommen natürlich die Sorgen von Eltern. Da reist das achtzehnjährige Mädchen nach Äthiopien für Monate und das Letzte, was man am Telefon hört, ist: „Ich fahre auf den Krokodilmarkt, ich melde mich in drei Wochen wieder.“ Das ist nicht der Traum eines Elternteils. Aber sie sind da auch reingewachsen, meine Liebsten, und wohl auch sehr stolz darauf. Ja, aber manchmal habe ich schon das Gefühl, sie haben es ein bisschen bereut. Mein Vater hat immer gesagt, man kann alles erreichen, was man will. Man kann alles machen, was man will, man kann überall hin, wo man möchte. Dann habe ich das gemacht und dann hat er sich gedacht, uh –jetzt ist sie überall. (lacht) Jetzt hat sie das wörtlich genommen. Jetzt muss ich mir schon wieder Sorgen machen, weil sie irgendwo in Nigeria herumstrawanzt.

Sie waren immer satt, geliebt, beschützt in der Welt?

Auf jeden Fall geliebt. Das andere vielleicht gar nicht so, vielleicht teilweise auch sehr unbeschützt in der Welt, aber ich durfte immer auf alles zugehen, war niemals exkludiert, es hat nichts gegeben, für das ich je noch zu klein gewesen wäre und das man mir deswegen vorenthalten hätte. Aber immer bin ich tatsächlich ein unendlich geliebtes Kind gewesen. Und immer gab es eine große tabulose Kommunikation über alles. Vielleicht kommt auch daher dieses Urvertrauen und diese Neugierde auf die Welt.

Wie hält man diese vielen, teilweise extremen Eindrückeauf Ihren Reisen – in Afrika, in Indien – aus? Sie begegnen den Menschen und ihrer Lebensrealität ohne jede Berührungsängste.

Es ist anstrengend. Man wird aber auch ruhig damit. Auch wenn Situationen außergewöhnlicher sind, mehr Ausnahmesituationen als Normalität – der Mensch ist irrsinnig adaptiv, man gewöhnt sich an alles. Man schlüpft hinein in diese Sachen.

Wo zieht es Sie noch hin?

Eigentlich möchte ich alles, was möglich ist, sehen. Wirklich alles.

Valerie Fritsch wurde 1989 in Graz geboren. Sie studierte an der Akademiefür angewandte Photographie, arbeitet als Schriftstellerin und Photokünstlerin. Neben Publikationen in zahlreichen Literaturmagazinen, Anthologien und im Rundfunk schreibt sie auch Theater- und Filmtexte. 2011 erschien ihr Debütroman Die“ VerkörperungEN“ bei Leykam, 2012 der Reisegeschichten- und Bilderzyklus „Die Welt ist meine Innerei“ bei SEPTIME. 2015 folgten der Gedichtband „kinder der unschärfenrelation“ (zusammen mit ihrer Mutter Gudrun Fritsch) sowie bei Suhrkamp ihr Roman „Winters Garten“. Die Autorin erhielt zahlreiche Stipendien und Förderpreise. Sie ist Preisträgerin des Peter-Rosegger-Preises des Landes Steiermark 2015, des Kelag- sowie des Publikumspreises beim Bachmannwettlesen der Tage der deutschsprachigen Literatur 2015.

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