Thomas Glavinic

Thomas Glavinic

Er ist ein Star der Literatur.

Seine Bücher: vielschichtig, unberechenbar, sprachgewaltig und unterhaltsam.

16.30 Café Anzengruber. Treffen mit Thomas Glavinic. Ergebnis: ein Einakter. Mitspielende Personen: Glavinic, Eva, Gudrun, Markus, junge Frau, Kellnerin. Motto: Auch ein Porträt ist eine Fiktion.

Interview: Eva Straka, Gudrun Tielsch | Fotos: Markus Thums

Eva: Kürzlich ist dein elfter Roman erschienen, Der Jonas-Komplex. Du begleitest drei Protagonisten durch ein Jahr: einen erfolgreichen Schriftsteller mit Hang zu Drogen und seiner Liebe zu seinem Kind; ein 13-jähriges Schachgenie; und Jonas, der von seiner Geliebten Marie zu einer Südpolexpedition überredet wird. Deine Figuren gehen durch Extreme. Aber diesmal ist es kein Krimi wie Der Kameramörder. Bei diesem Buch hat es mich ziemlich gegruselt …

Glavinic: Echt? Beim Schreiben des Kameramörders habe ich viel gelacht. Diese Sprache ist doch recht komisch. Gut, bei der Mordszene habe ich nicht so viel gelacht.

(Er starrt auf sein Glas G‘spritzten, ergreift es mit einer schnellen Bewegung und trinkt es leer.)

Aber selbst da habe ich lachen können. Ha, ha. Kurz halt. Eigentlich nur: Ha!

(Er bestellt noch einen G‘spritzten.)

Entschuldige … der Kameramörder droht mit Bauchraumsalzen. Das ist herrlich absurd … ich konnte mich da austoben…

Eva: Was tut er?

Glavinic: Er droht mit Bauchraumsalzen.

Eva: Aha … Das ist …

Glavinic: … ganz normale Sätze in gleichbedeutenden Schwachsinn verwandeln, in übertriebenes Amtsdeutsch. Ich weiß nicht, ob von euch jemals jemand eine Anzeige bekommen hat. Da versteht man die Hälfte nicht. Vor vielen Jahren habe ich mal eine Anzeige wegen Ruhestörung bekommen – 100 Schilling. Ich habe einfach nicht verstanden, was die von mir wollten. Es ging um Ruhestörung, aber das ist aus dem Text nicht hervorgegangen, es waren keine deutschen Sätze dabei.

Gudrun: Bauchraumsalzen eben.

Glavinic: Genau. Beim Kameramörder hab ich mich in dieser Amtssprache ausgetobt. Es gruselt mich dabei aber nicht.

Eva: Der Titel Der Jonas-Komplex bedeutet: Angst vor der eigenen Größe. Ist dieser Titel nach dem Schreiben des Buches entstanden?

Glavinic: Den hatte ich schon zehn Jahre vorher. Ich wurde bei Die Arbeit der Nacht oft gefragt, warum der Protagonist Jonas heißt. Ich habe immer gesagt, es gibt viele Gründe, und einen davon werde ich nicht verraten, weil ich wusste, ich werde diesen Titel eines Tages brauchen. Ich werde den Jonas-Komplex schreiben, aber das Buch dafür ist noch nicht da, noch nicht greifbar. Deswegen hatte ich zehn Jahre lang Angst, dass mir jemand diesen Titel wegschnappt. Weil dieser von der Psychologie beschriebene Komplex so unbekannt ist und so weit verbreitet zugleich. Das haben ja mindestens 20% der Menschen. Ich habe ein Buch geschrieben, es war mein erstes, das von einem Schachgroßmeister handelt, der nicht Weltmeister werden will. Aber er will auch nicht verlieren, also spielt er immer auf Remis. Ich wusste, es wird eines Tages ein Buch darüber geben. Ja, und jetzt ist es endlich soweit. Ich hatte mir damals nicht gedacht, dass es zehn Jahre dauern wird. Aber deswegen heißt die Hauptfigur Jonas. Mir ist dieses Motiv sehr vertraut.

Gudrun: Du meinst Angst vor der eigenen Größe?

Glavinic: Tschuldigung.

(Er schreibt ein SMS.) 

Rede ruhig weiter. Ich bin bei dir.

Gudrun: Ob du Angst vor deiner eigenen Größe hast?

Glavinic: Eeeeeeeh? (runzelt die Stirn und lacht)

Gudrun wirft einen Blick auf Glavinics Hosenstall, wird rot und lacht.

Glavinic: Beim Schreiben lernt man sich ja auch ein bisschen selber kennen. Wobei es ein Irrtum ist, zu glauben, dass das Schreiben eine Art Therapie ist.

Gudrun: Therapie warum? Gegen die eigene Größe?

Glavinic: Was? (Er tippt weiter in sein Handy. – Lange Pause.) Jetzt habe ich den Faden verloren.

Eva: Machst du dir ein Konzept, bevor du anfängst zu schreiben?

Glavinic: Ja. Mehr als das. Ich habe oft einige hundert Seiten nur an Vorarbeiten, an Notizen zu dem, was ich schreiben will. Welche Figuren auftreten werden. Welche Struktur das Buch haben wird. Welche Perspektive – das ist ganz wichtig. Ist es eine auktoriale oder eine personale Perspektive oder ein Ich-Erzähler? Wie viel Raum gebe ich welchem Handlungsstrang? Das sind Dinge, die Monate brauchen, die viele Monate lang in meinem Kopf Gestalt annehmen, bevor ich eine einzige Zeile schreibe.

Gudrun: Die Handlungsstränge im Jonas-Komplex bedingen einander. Hast du oft überarbeitet?

Glavinic: Sehr oft. Enervierende Tätigkeit, doch leider notwendig. Wie lange muss welches Kapitel sein? Wann setze ich einen Schwerpunkt in welchem Handlungsstrang? Welchen Rhythmus gebe ich dem Ganzen, ohne dass man es merkt? Man will als Schriftsteller den Leser manipulieren. Jede Art von Kunst ist eine Art der Manipulation. Das darf der Leser beim ersten Mal gar nicht merken. Ich wünsche mir von meinen Lesern, dass sie meine Bücher mindestens zweimal lesen. Ich wünsche mir von meinem Leser, dass er, nachdem er eines meiner Bücher ausgelesen hat, drei Wochen nichts anderes liest. Menschen, die ein Buch nach dem anderen wegfressen, stolz darauf sind und sich brüsten: „Dieses Jahr habe ich 286 Bücher gelesen“ – irgendwas stimmt doch mit denen nicht.

Gudrun: Du schreibst zwei Seiten jeden Tag?

Glavinic: Ja. Es kommt auf den Text an. Manchmal drei.

Gudrun: Du schreibst auf einer mechanischen Schreibmaschine.

Glavinic: Ja. Ich überarbeite es, indem ich es nochmal schreibe.

Gudrun: Ist der Jonas, die Figur, für dich noch nicht fertig geschrieben?

Glavinic: Das klingt so romantisch: „Die Geschichte ist nicht auserzählt.“ Na ja. Ich würde eher sagen, ich habe noch ein paar Dinge im Kopf, die ich auch noch unbedingt selbst erfahren will.

(Er lacht. Er lacht so lange und heftig, dass man auf diese Dinge gespannt sein muss.)

Ich habe noch ein paar Aspekte der Geschichte, die ich selbst spannend fände. Ich habe sogar einmal die Idee gehabt, ich bin mir noch nicht sicher, ob ich es nicht irgendwann mache, dass ich Die Arbeit der Nacht noch einmal schreibe. Was passiert, wenn ich das zehn Jahre später noch einmal schreibe? Ist vielleicht total beknackt. Ich würde es natürlich wieder Die Arbeit der Nacht nennen. Die Bücher, die ich versuche zu schreiben, verstehe ich ja selber auch nicht. Bücher machen etwas, und wir wissen nicht immer, ob das oder jenes passieren wird.

(Eine junge Frau setzt sich an den Nebentisch. Sie hat dicke Kopfhörer auf den Ohren, bestellt ein Wasser und schaut sich um.)

Gudrun: Du hast gesagt, ein Motiv für den Jonas-Komplex ist für dich das Thema der Zeit. Du bist vierundvierzig und hast gesagt, deine Matura war gestern. Was ist also morgen?

Glavinic: Morgen bin ich tot.

(Empörung im Kreis. Junge Frau nimmt den Kopfhörer ab, schaut irritiert herüber.)

Glavinic: Ja, das ist es auf den Punkt gebracht. Meine Matura ist fünfundzwanzig Jahre her, das war für mich wie gestern. Wenn ich fünfundzwanzig Jahre nach vorne rechne, bin ich neunundsechzig. Ich kenne zwar Neunundsechzigjährige, die ausgesprochen lebendig wirken, aber ich kann es mir für mich nur schwer vorstellen, ich habe das Gefühl, mein Leben ist dann so gut wie vorbei.

(Markus, der Fotograf, kommt dazu.)

Markus: Worum geht’s?

Gudrun: Dass das Leben mit neunundsechzig vorbei ist.

Markus: Aber mit neunundsechzig doch nicht.

Glavinic: Also, wenn alles weh tut …

Eva: Man spürt sich dann ja auch, wenn es weh tut.

(Lange Pause.)

Glavinic: Tschuldige. Wo waren wir?

Gudrun: Was du mit neunzehn gedacht hast.

Glavinic: Mit neunzehn?

Eva: Mit neunundsechzig.

Glavinic: Mit neunundsechzig? Was jetzt?

Markus: Er kann doch nicht sagen, was er mit neunundsechzig gedacht hat, so alt ist er doch nicht. Mit neunundsechzig ist er tot.

Glavinic: Was?

Markus: Hast du selber gesagt.

(Kurze Verwirrung auf allen Seiten. Junge Frau lächelt Glavinic zu und setzt ihre Kopfhörer wieder auf. Glavinic greift mit einer schnellen Bewegung zum Glas, trinkt es in einem Zug aus.)

Gudrun: … mit neunzehn …

Glavinic: Ich habe mich mit neunzehn gefragt, was ich noch alles erreichen kann. In der Zwischenzeit habe ich viel versäumt. In dieser Zeit haben andere anderes gemacht. Das werde ich nie mehr aufholen können.

Eva: Versetzt du die Figuren deiner Romane in die verschiedenen Lebensrealitäten, die du versäumst hast?

Glavinic: Das ist die Rache an meinen versäumten Gelegenheiten.

(Er bestellt einen G‘spritzten. Zündet sich eine Zigarette an. Der Aschenbecher vor ihm ist voll.)

Glavinic: Oder an meinen nicht gelebten Gelegenheiten.

(Junge Frau lächelt noch immer. Sie lässt dabei die Kopfhörer auf den Ohren.)

Glavinic: Ich weiß nicht, was eure frühesten Erinnerungen sind. Meine sehe ich ab dreizehn, von da an habe ich ein klares Ich. Und nun merke ich, dass ich immer noch derselbe bin. Mein Kern hat sich nie verändert. Das wird wahrscheinlich mit siebzig noch so sein. Ich werde mit siebzig noch dieser verschreckte Junge sein.

Markus: Also, es war ein Schmäh, dass du mit neunundsechzig nicht mehr lebst …

Eva: Ja, klar!

Gudrun: Sinnbildlich. Es war sinnbildlich.

Markus: Ja eh, klar.

Glavinic: Ich habe meinen Großvater, als er über achtzig war, gefragt, wie er sich fühlt, und er hat gesagt, wie sechzig. Und was bedeutet das? Der Körper verfällt, der Geist ist fit. Das ist doch die Hölle.

Eva: Meine Großmutter ist jetzt über neunzig, und die sagt, wenn ich jetzt fünfundsechzig wäre, ich würde noch einmal ganz von Neuem anfangen.

Glavinic: Mit fünfundsechzig … Wie relativ das ist!

Markus: Wie alt bist du?

Gudrun: Er ist vierundvierzig.

Markus: Dann ist Evas Großmutter … dann ist sie mehr als doppelt so alt wie du …

Glavinic: Aber wenn sie fünfundsechzig wäre, wie sie sagt, dass sie dann neu anfangen würde …

Gudrun: Dann hättest du noch zwanzig Jahre Zeit, um neu anzufangen.

Eva: Was würdest du dann machen?

Glavinic: Ich habe mich entschieden, Schriftsteller zu sein, und habe dafür vieles andere ausgeschlossen. Und darum geht’s, das machen wir alle. Wir leben das Leben, für das wir uns entschieden haben und vermutlich immer wieder aufs Neue entscheiden, wir finden etwas, worauf wir uns konzentrieren. Es muss schmerzhaft sein, wenn man mit fünfzig draufkommt, dass man nicht genug richtig gemacht hat. Und darum geht es auch in Der Jonas-Komplex, das ist eines der wesentlichen Dinge: Wir müssen mit dem vergangenen Ich, dem vor zehn oder zwanzig Jahren, ein bisschen verständnisvoller umgehen. Es konnte es nicht besser. Man muss diesem vergangenen Ich verzeihen können. Das ist bei manchen vergangenen Ichs gar nicht so einfach. Und genauso muss man mit seiner Gegenwart umgehen. Ich bin jetzt dafür verantwortlich, wie ich mich in zwanzig Jahren fühle.

Eva: Noch einmal zurück zu dem Jungen in Der Jonas-Komplex. Du löst es nicht auf, du sagst ja nicht, dass er zu einer der beiden Figuren wird.

Glavinic: Nein, ich löse das nicht auf. Das ist ja kein Kreuzworträtsel. Antworten habe ich keine. Kunst hat keine Lösungen. Was ist denn die Aussage von Hamlet, bitte? Oder die Lösung? Oder König Lear, die Lösung? Die Antwort ist: Das ist doch alles Scheiße!

(Zur Kellnerin)

Könnte ich noch einen G‘spritzten haben?

Markus: Die Antwort auf alles ist 42.

Glavinic: 42, ja. Douglas Adams Per Anhalter durch die Galaxis.

Eva: Was interessiert dich so an den Extremen?

Glavinic: Ich verstehe die Frage insofern nicht, denn: Was soll mich an der totalen Normalität interessieren? Die ist ja eh da. Was meinst du, ist extrem in dem Roman?

Eva: Die Figuren sind in einem extremen Setting

Glavinic: Beispiel?

Eva: Der Jonas hat keine durchschnittliche Kindheit hinter sich, ist jetzt extrem reich.

Glavinic: Ja, stimmt. Mir hat es großes Vergnügen bereitet, einen Menschen mit allem Geld der Welt auszustatten und ihn in der Welt herumzuschicken, dorthin, wo ich gern wäre, und ihn Dinge machen zu lassen, von denen ich glaube, dass sie wirklich interessant sind. Sonnenfinsternisse in den Anden beobachten, das würde ich gern machen. Auf den Mount Everest steigen. Was Jonas unternimmt, finde ich nicht so extrem, sondern seinen Reichtum. Der ermöglicht ihm ein freies Leben. Und den Mount Everest. Die Todesnähe in diesen Höhen hat mich immer fasziniert. Ich habe schon fünfundzwanzig Jahre vorher alles über Höhenbergsteigen gelesen. Die Todeszone beginnt etwa ab 7500 Metern. Selbst wenn man sich dort ins Bettchen legt im Zelt, ist die menschliche Physis nicht imstande, in dieser Höhe zu überleben. Selbst wenn man mit allem grundsätzlich Lebensnotwendigen versorgt wird, wird man sterben. Und je höher man kommt, desto wahrscheinlicher suchen einen diese interessanten Halluzinationen heim. Astronauten haben mich auch immer fasziniert. Ich habe mich immer gefragt, warum es so viele Romane von Buchhaltern gibt, die fünfzig Seiten lang die Sekretärin fragen, ob sie mit ihnen auf einen Kaffee geht. Das ist doch nicht interessant. In der Literatur muss es doch um die großen Dinge gehen. Im Leben gibt es so viel Zeitverschwendung, es gibt so viele Leerläufe. Und Literatur ist für mich konzentriertes Leben. Also weiß ich nicht, warum ich meine Zeit verschwenden sollte mit Dingen, die ich kenne. Warum sollte ich das lesen?

(Die Getränke kommen.)

Gudrun: Gibt Literatur nicht auch die Möglichkeit, zu überprüfen, ob man ein anderes Leben überhaupt ertragen würde?

(Lange Pause. – Junge Frau will flirten, aber bekommt Schluckauf. Glavinic greift wieder schnell zum Glas und leert es in einem Zug.)

Glavinic: Also: Man sollte sich an den Gedanken gewöhnen, dass es die Realität an sich nicht gibt.

 


 

Lesen Sie das Interview in voller Länge in PORTRAIT 6 / 2016.

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