Teresa Präauer

Teresa Präauer

Alles umgedreht und auf den Punkt. 

Für ihren eigenwillig-poetischen Roman Für den Herrscher aus Übersee wurde Teresa Präauer 2012 mit dem aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Prosadebüt ausgezeichnet. In ihrem zweiten Roman Johnny und Jean erzählt sie – humorvoll und mit starker Sogkraft –  von zwei jungen Männern, die in die Welt aufbrechen, um diese mit ihrer Kunst zu erobern. Die Kunst und das Schreiben sind bei der jungen Autorin, die als eine der großen Hoffnungen der deutschsprachigen Literatur gehandelt wird, eng verbunden – neben Germanistik studierte sie auch Malerei. Für Wolf Haas illustrierte sie dessen Kinderbuch Die Gans im Gegenteil, die Cover ihrer Romane gestaltet sie selbst. Und auch ihr literarisches Werk trägt eine starke künstlerische Handschrift: Die Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse, für den Johnny und Jean 2015 nominiert war, nannte ihr Werk „ein virtuoses Spiel mit Bildern“. Teresa Präauer lebt und arbeitet als Zeichnerin und Autorin in Wien. 

Frau Präauer, zwei junge Kunststudenten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sind die Hauptfiguren Ihres zweiten Romans, Johnny und Jean, der nicht nur aufgrund seines Titels Assoziationen zu Jules und Jim weckt. Der stille, eigenwillige, ausdauernde Johnny und der als Ausnahmebegabung gehandelte, schillernde, den Kunstmarkt perfekt bedienende, allseits bewunderte Jean sind durch eine Freundschaft zwischen Bewunderung und Konkurrenz verbunden. Sie erzählen aus der Perspektive von Johnny. Der Beginn Ihrer Geschichte weist sie als Konstrukt aus: „Ich stelle mir vor, wie ich als Bub auf dem Land lebe“. Johnny und Jean, eine spielerische Versuchsanordnung? Ein Hebel, um unsere Phantasie freizusetzen?

Auf jeden Fall! Das ist das, was mich an der Literatur interessiert: dass sie sich der Vorstellungskraft bedient. Wie im Märchen, das immer mit dem einen Satz beginnt: „Es war einmal …“ – und ab diesen drei Wörtern lassen wir uns als Zuhörende oder Lesende auf die Geschichte ein: wir vertrauen uns ihren Gesetzmäßigkeiten an.

Es ist wie eine Spielanordnung. Beim Schach beispielsweise gibt das Spiel vor: es gibt nur schwarze und weiße Figuren. Und trotzdem ist so viel an Erzählung möglich innerhalb dieser formalen Einschränkung. Das weiß jeder, der schon einmal Schach gespielt hat.

Johnny und Jean machen sich aus der Provinz kommend auf, die Kunstwelt von Paris bis New York zu erobern. Die beiden wählen sich ihre Namen passend zu ihren Sehnsuchtsorten: Johnny träumt von New York, Jean von Paris. Braucht jeder Aufbruch – in der Kunst und im Leben – bereits ein konkretes Ziel?

Ach, das glaub ich nicht. Für meine zwei zwanzigjährigen jungen Menschen, die mindestens weltberühmte Künstler werden wollen, sind Paris und New York auch bloß zwei sehr mythische, sehr unscharf gezeichnete Sehnsuchtsorte: eben die zwei maßgebenden Städte der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts. Wie man es so gesagt bekommt: Wenn du es in New York schaffst, schaffst du es überall. Oder in Shanghai oder wo. Aus den Abweichungen davon, die die Wirklichkeit dann bereithält, entsteht dann der Humor, den man zum Weitermachen braucht. Also vielleicht braucht man die Seifenblasen ja dringender als die Ziele.

Johnny hat in Jean ein Gegenüber, das in Vielem sein Gegenteil ist. Braucht Kunst ein Gegenüber, eine Reibungsfläche?

Die Reibungsfläche Wirklichkeit!

Warum wählt man die Kunst? Oder wählt einen die Kunst?

Das frage ich mich auch manchmal. Ich versuche dann, mich zu erinnern, was so erste Impulse waren, diesen Beruf zu wählen. Ich habe zum Beispiel immer gut zeichnen können. Damit konnte man sich in der Volksschule schon etwas Respekt verschaffen, lustigerweise.

Ich wollte später auch nur ungern einen Job ausüben, bei dem mir jemand sagen kann, was ich zu tun hab. Auch, wenn das manchmal mehr Sicherheit mit sich brächte. Soviel zumindest als Antwort auf die Kunst als Beruf: wir haben wahrscheinlich einander gewählt.

Was kann Kunst?

Alles umdrehen. Alles anders machen, als es sich gehört. Die Dinge gegen ihre Funktionalität verwenden. Sich selbst als Zitrone porträtieren, wie es Maria Lassnig gemacht hat. Das gefällt mir. Wenn man die Manöver der Kunst weiterdenkt, lässt sich daraus viel subversive Zuversicht ziehen.

Auch Ihr Prosadebüt Für den Herrscher aus Übersee ist ein Buch über das Aufbrechen in die Welt. Zwei Geschwister, deren Eltern auf Weltreise sind, verbringen diese Zeit bei den Großeltern auf dem Land. Dort lernen sie vom Großvater alles über das Fliegen und noch vieles mehr. Sich Erfinden und die Welt erfahren – ist das leichter in den großen Gesten, aus großer Fallhöhe, in der Kunst und beim Fliegen?

Das Fliegen ist ein formaler Trick: es ermöglicht, die Erzählsituation von oben zu betrachten, um im Tieferfliegen dann näher heran zu zoomen. Es interessiert mich rein als ästhetische Kategorie. Beim Schreiben versuche ich auch, Bilder zu bauen, einer visuellen Logik zu folgen. Und beim Großvater und seiner „These von Welt und Leben“ wollte ich mir auch den hochstaplerischen Ton der großen Welterklärungsmodelle zunutze machen, der mitunter nah am Lächerlichen entlangschrammt.

In Ihren Romanen wird im besten Sinne – spielerisch, sinnlich, für das Leben – viel gelehrt und gelernt: Menschen lehren Vögeln und Menschen das Fliegen, die Kinder lernen an Hand von Postkarten lesen, Jean lehrt Johnny Drucktechnik, wir lernen etwas über das Grundieren von Leinwänden. Es entsteht der Eindruck von prallem Leben, von einer Fülle, aus der man schöpfen kann. Woraus schöpfen Sie?

Mich interessieren literarische Mittel. Und eines davon ist das der Aufzählung in der Ratgeberliteratur: In zehn Schritten zum berühmten Künstler beispielsweise. Das wollte ich als Struktur auch der Erzählung zugrunde legen. Es gibt viele literarische Texte, die vom Malen und Zeichnen berichten: da wird dann ein irrsinniger Kitsch erdichtet vom Berühren der Leinwand durch den Pinsel. Wobei ich nicht sagen will, dass man erfahren haben muss, was man beschreibt. Aber der Mythos von Maler und Modell lädt Autoren offenbar gern zu säuselnder Spekulation ein. Darüber muss man sich doch lustig machen!

Gibt es etwas, was sie lernen möchten?

Da gibt es vieles. Ich weiß gar nicht, wie ich das auf eine Antwort bringen könnte.

Auch das Scheitern, das Abstürzen sind zentrale Themen beider Bücher. Unverzichtbarer Teil des Lernens?

Ja, das sagt man so und stimmt wohl auch. Manche Erfahrungen hätte ich aber nicht unbedingt gebraucht.

Der Großvater verrät den Geschwistern – „wer weiß, wie lange ich noch lebe“ –  seine Thesen von Welt und Leben. Das Bedürfnis, das Erlernte, die Lebensessenz weiterzugeben – entspringt das dem Wunsch, sein eigenes Bild zu hinterlassen oder ist das ein Trick der Evolution?

Es geht in dieser Passage aus Für den Herrscher aus Übersee auch um das Imitieren einer Sprechhaltung: ein Verballhornen des Didaktischen durch maßloses Übertreiben. Wieder einer, der die Weisheit mit dem Löffel gefressen zu haben glaubt. Gleichzeitig steckt vielleicht auch ein Quäntchen Wahrheit in diesem Nonsense, den der Großvater verzapft. Und wie geschäftig die Kinder dann dabei sind, sein Plakat von der Welt, unter seiner Anleitung, zu gestalten: indem sie das Hochzeitsalbum der Großeltern zerschneiden. Zum Lachen und zum Weinen eigentlich.

Unser Erinnern findet in Bildern, im Konstruieren von Bildern statt. Das Erschaffen eines Mythos und das „Auffrisieren“ der Wirklichkeit, wie Jean es nennt, spiegelt das unsere Sehnsucht nach großen Bildern?

Da fällt mir Jenny Holzers Spruch ein: „Protect me from what I want“. Bilder sind wahrscheinlich Wunschvorstellungen einerseits, aber auch Befürchtungen andererseits. Die Kunst ist seit Anbeginn voll von Monstren, die uns bildlich vor Augen führen, wovor wir uns schützen wollen. Eine Lust am Hässlichen ist immer schon dabei gewesen. Alles, was das Leben ausmacht, macht auch die Bilder aus, vermute ich.

Bewunderung und Konkurrenz spielen eine wichtige Rolle in der Verortung der jungen Künstler. Gilt das nur für Künstler oder für die beiden im besonderen Maß?

Ich glaub, das gibt es in vielen menschlichen Beziehungen, und vielleicht gerade, wenn man jung ist. Johnny und Jean ist ein Buch über Freundschaft und auch darüber, was es heißt, erwachsen zu werden. Der Kunstbetrieb ist dabei ein verknappter Ausschnitt, innerhalb dessen sich deutlicher zeigen lässt, was im Leben oder in der Berufswelt vor sich geht. Hierarchien beispielsweise sind im Kunst- und Kulturbetrieb deutlich sichtbar, würde ich sagen.

Und dann gibt es da noch die großen Vorbilder, alte Meister, die das Denken bevölkern und mitunter in den Dialog treten, gefragt und ungefragt kommentieren. Hilfreich oder lästig?

Beides. Die gutgemeinten Ratschläge: manchmal helfen sie, manchmal braucht man sie aber wirklich überhaupt nicht.

Für Johnny und Jean gilt in allen Lebenslagen: „Wenn nichts mehr hilft, hilft Cranach“.

Mich fasziniert an Cranach, dass er so lustig ist. Seine Figuren! So oft diese Paarungen: zwei Hirsche, zwei Menschen, zwei Brombeeren oder so ähnlich. Heute wäre er wahrscheinlich Comiczeichner. Besser: Comicmaler. Auch seine Farbwahl fasziniert mich, gelbe, weiße, rote Gewänder vor ölschwarzem Hintergrund.


 

Das Gespräch in voller Länge erscheint in PORTRAIT 3 / 2015.

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