Raoul Schrott

Raoul Schrott

Raoul Schrott hat Michael Köhlmeier in sein Haus zum Essen eingeladen. Er wohnt im Bregenzerwald, in Holz und Glas, geplant und gebaut von einem jener Bregenzerwälder Architekten, die weit über Österreich hinaus berühmt sind. Raoul Schrott bereitet Fische zu; Köhlmeier sieht ihm dabei über die Schulter.

Michael Köhlmeier: Zuträger haben mich informiert, dass du in Gori in Georgien großes Ansehen genießt, vor allem beim Personal des Stalin-Museums. Wie kam es dazu?

Raoul Schrott: Ah – du willst eine Anekdote hören? Du kannst den Salat machen …

(Köhlmeier wäscht den Salat.)

Raoul Schrott: Also Gori, Georgien … Stalins Geburtsstadt hat nicht nur eine Stalinallee, ein Stalindenkmal und Stalins Geburtshaus – so eine russische Pawlatschen, gefasst nun in einen pseudorömischen Tempel –, sondern auch einen zu einem Stalinmuseum umgebauten Palast, in dem Josef Wissarionowitschs Werdegang vom Priesterseminaristen, Sonntagsdichter, Bankräuber und Berufsrevolutionär zu Stalin als Zentralkommissar und Generalissimus in allen möglichen Memorabilien ausgestellt ist. Zu besichtigen ist sein Originalbüro samt Drehsessel, Volksempfänger und Nüsschen sind noch auf dem Tisch, Gemälde hängen an der Wand unter Lautsprecherbeschallung, Votivgaben von Fans aus aller Welt sind zu besichtigen – gestrickte Unterhosen, geschnitzte Pfeifen, handbemalte Teller – und am Ende seine Totenmasken in dramatischer Beleuchtung. Ein Heiligenschrein. Und kein Wort von irgendwelchen Gräueltaten, Gulags, Massensäuberungen – nicht der geringste Hinweis. Geführt wird man von einer rassigen, vollbusigen Führerin in kattunfarbener Komsomolzenuniform, wie man sie aus dem Film Genosse Don Camillo kennt, die in gebrochenem Englisch, dafür aber in glühendsten Tönen, vom genialen Sohn des Landes schwärmt. Als sie mich am Ende fragte, was mich aus Österreich hergeführt hat, gleichgestimmte Begeisterung erwartend, schoss es aus mir raus, ohne dass es der Überlegung bedurft hätte: „Ich bin vom Hitler-Museum in Braunau und wollte mir anschauen, wie ihr das hier so macht …“ Worauf sie nur leicht ihre Braue hob und mich stehen ließ. Ich hab dann im Souvenirladen ein Feuerzeug in Handgranatenform mit Stalins Portrait darauf erstanden, sowie einen Flachmann und einen Kuli mit seinem Schriftzug.

Sie essen. 

Köhlmeier lobt Schrotts Kochkünste, besonders die Pastinaken betreffend – und von da ist es nicht weit zum Lob von Schrotts Übersetzung der Ilias, die der Hanser Verlag 2008 herausgebracht hat. Seiner Meinung nach, sagt Köhlmeier, sei dies die einzige Übersetzung, die den wahren Geist des Epos’ wiedergibt. Bei den meisten anderen habe man den Eindruck, es handle sich um Erbauungsliteratur. Sogar bei der wunderbaren Übertragung von Johann Heinrich Voß aus dem Jahr 1793 könne man den Eindruck gewinnen, Agamemnon und Achill seien zwei deutsche Oberstudienräte, die sich aus unerfindlichen Gründen in Altgriechisch unterhalten, und nicht zwei blutrünstige, von Testosteron gesteuerte Krieger. Die Verbissenheit im Hass habe kein Übersetzer vor Raoul Schrott so schrecklich und klar herausgearbeitet.

Nach dem Essen. Raoul Schrotts Arbeitszimmer.)

M.K.: Dein neues Buch heißt Erste Erde. Es ist nichts weniger als eine Geschichte von allem. Wissenschaft und zugleich Poesie. Ein Epos von 800 Seiten. So ein Werk erschüttert den Buchmarkt. Eine moderne Genesis. Ist das die Ambition?

Raoul Schrott: Wenn ich dich beim Wort nehme: nein. Ambition heißt in dem Fall ein Streben nach Rang und Ehre als Schriftsteller durch die Leistung eines Buches … Eine solche Art Ehrgeiz war nie die Triebfeder meines Schreibens. Nicht, dass ich gar keinen Ehrgeiz hätte oder mich nicht in Konkurrenz mit anderen sehe oder keinen Neid empfinden würde …

(Im Arbeitszimmer steht ein langer Schreibtisch vor einer Glasfront. Der Ausblick ist atemberaubend. Von hier aus sieht man über den vorderen Bregenzerwald, bis zur schroffen Felswand der Kanisfluh. An der Wand lehnt eine Gitarre.)

Köhlmeier: Ambitionen auch als Gitarrist? Ehrgeiz auch als Songschreiber?

Raoul Schrott: (lacht) Das ist das Erste, was ich werden wollte: Liedermacher. Auf G oder D gestimmte Gitarre, Folgen von Major-7-sus-4-Akkorden – das Problem war nur, dass ich dann auch wie Joni Mitchell singen wollte, bestenfalls aber eine Leonard-Cohen-Stimme hatte. Und gerade das bisschen zu wenig an Talent für einen Musiker. Ich würde die Schriftstellerei dennoch jederzeit für eine Stelle in einer Band aufgeben – ich kenne nichts Schöneres als das Kommunizieren zwischen Instrumenten, nichts Direkteres als Musik, statt all dem Blabla von Worten. Aber da bin ich wohl nicht der einzige – ich kenne keinen Schriftsteller, der was taugt und tontaub wäre. Lauter verhinderte Stadtmusikanten. (Er reicht Köhlmeier die Gitarre.) Da! Spiel du statt mir…

M.K.: Ich spiele seit fünfundvierzig Jahren immer das Gleiche. Aber immerhin kann ich picken …

Raoul Schrott: Besser picken als zupfen.

M.K.: ... spiele aber lieber auf Stahlsaiten. 

Raoul Schrott: Mir sind die weicheren Nylonsaiten lieber – und auch eine spanische Gitarre. Vor allem, weil die ein breiteres Griffbrett hat; bei einer Westerngitarre greife ich mit meinen großen Fingern sonst zwei Saiten zugleich.

M.K.: Ich habe auch Gitarren mit Nylonsaiten.

Raoul Schrott: Auch? Gitarren? Wie viele Gitarren hast du denn?

M.K.: Siebenundzwanzig. Eine ist gerade unterwegs. Also bald achtundzwanzig. Je schlechter der Gitarrist, desto mehr Gitarren hat er. Den Spruch kenn ich

Raoul Schrott: Ich bin der Letzte, der so was behaupten könnte.

M.K.: Ich bemühe mich. Mein Ehrgeiz ist es, möglichst viel zu können

Raoul Schrott: Können ja – weniger der Kunst wegen, als um möglichst viel zu wissen, zu erleben, zu erfahren – um der Welt eine erfüllte, runde Existenz abzugewinnen, in den paar Jahren, die man hat. Das ist, weil du das aufgebracht hast, mein Ehrgeiz. Aus dem Verlangen heraus habe ich auch die Erste Erde geschrieben …

(Sie klimpern ein bisschen auf der Gitarre. Erst Köhlmeier, dann Schrott. Klimper, klimper. Leider besitzt Schrott nur eine Gitarre, sonst könnten sie zusammen klimpern.)

Raoul Schrott: Erste Erde ist ein Buch, das ich immer schon schreiben wollte. Ein bisschen, weil ich durch Homers Ilias bereits natürlich an der Form Blut geleckt habe – und mich gefragt habe, welcher Stoff heute in einem Epos Ausdruck finden könnte. Vor allem aber des Themas wegen. Ich wollte dieses Buch schon schreiben, bevor ich die Mittel dafür hatte: die finanziellen – die habe ich nur einer glücklichen Fügung der deutschen Bundeskulturstiftung zu verdanken, die mir ein Darlehen dafür gegeben hat –, ebenso wie die geistigen Fähigkeiten. Denn das sprachliche Handwerkszeug dazu beherrscht man doch erst mit den Jahren. In der Jugend hat man die Frische des Blicks, im Alter dann das Lexikon dafür im Kopf. Die Schriftstellerei ist ein dauernder Wettkampf zwischen der Routine, die einen abstumpft, und der Neugierde, die man sich erhalten muss, meinst du nicht?

M.K.: 51 Prozent Neugierde, 49 Prozent Routine … sagen wir lieber: Erfahrung – klingt besser. Unter 30 Prozent Erfahrung … da wird es kritisch …

Raoul Schrott: Jedenfalls wollte und will ich wissen, was das da draußen ist, was die Welt ist, wie, woher sie und alles ringsum kommt, was ich bin – und wie ich ihr gegenüber am besten Stellung beziehen, eine Mitte in der Welt finden kann. Auch in der Auflehnung gegen sie. Aus diesem existenziellen Bedürfnis heraus ist das Buch entstanden.

M.K.: So denkt man als junger Dichter.

Raoul Schrott: Wie meinst du das?

M.K.: Schön! Beneidenswert! Als würde man das erste Buch schreiben. Du hast gut drei Dutzend Bücher geschrieben – Gedichtbände, Romane, Essays …

Raoul Schrott: Man schreibt doch jedes Buch, als wäre es das erste – oder besser noch: das letzte. Oder wie Georges Brassens, glaube ich, gesagt hat: Man sollte alt werden, ohne je ganz erwachsen zu werden …

M.K.: Jetzt beschämst du mich.

Raoul Schrott: Weshalb? Fühlst du dich als alter Knacker? Abgeklärt?

M.K.: Also … gut. Aber sich zu fragen, was die Welt ist und man selbst darin mein Gott, sind das große Fragen! 

Raoul Schrott: Soll man sie etwa, nur weil sie groß sind, nicht stellen? Es sind doch die drängendsten, die grundlegendsten und zugleich die privatesten Fragen, die uns dabei alle miteinander verbinden. Soll man sich da mit den traditionellen Antworten abfinden? Die haben ja letztlich auch keine Antwort darauf. Oder sich mit der Idee eines Gottes abspeisen lassen? Ich bin jetzt 52 und zähle meine Jahre bereits rückwärts, ohne dass ich bei 0 wieder ankommen werde – aber eine, nein: meine Antworten darauf zu finden, dazu scheint mir bereits das Schreiben angelegt.

M.K.: Aber wie da einen Anfang finden? Wie vorgehen? Theologischkritisch? Mythologisch?

Raoul: Schrott: Chronologisch. Weil in den Anfängen all die Läufe – ein schönes Wort, oder? – beschlossen liegen, alles daraus hervorgeht. Und das hieße in dem Fall, mit dem Urknall zu beginnen – der zugleich der abstrakteste und unanschaulichste Anfang ist, weil ein rein theoretisches Konstrukt. Und dennoch, der einzige Beginn, von dem wir den Rest ableiten können: Zeit, Raum, Erde, Leben, uns.

M.K.: Aber was hat der Urknall mit mir zu tun? Was mit meinem Leben hier und jetzt?

Raoul Schrott: Indem wir alle das mittelbare Produkt davon sind. Eines auf zwei Beinen halt – und mit einem Kopf, der sich einen solchen Urknall ausgedacht hat. Weil wir die Welt nur in dem Maß verstehen, indem wir sie mit unseren, letztlich poetischen Mitteln konstruieren.

M.K.: Poetische Mittel? Hältst du die physikalischen Prinzipien, die zur rechnerischen Notwendigkeit eines Urknalls zurückführen, etwa für Metaphern?

Schrott: Eine Metapher, das wohl exemplarischste Element der Poesie, tut doch nichts anderes, als zwei unterschiedliche Dinge miteinander zu vergleichen: Die Liebe ist eine Rose. X = Y – unter einer bestimmten, aber stets menschlichen Perspektive. So wie E = mc2..Wobei sich die Größen darin nur wieder über die Gleichsetzungen mit anderen Größen definieren lassen: Energie mit Bewegung und Gravitation; Masse mit Beschleunigung; Geschwindigkeit mit Licht. Wie bei jedem Lexikon, in dem eine Vokabel durch andere Wörter definiert wird, die wiederum durch andere Schlagwörter definiert werden. Unser Denken beruht letztlich auf Analogien und den Schlüssen, die wir aus ihren Vergleichen ziehen. Wobei das wirklich Erstaunliche daran ist, dass wir dann am Schluss bei etwas ankommen, was nicht mehr vorstellbar, was ausdenkbar ist – wie der Urknall etwa.

M.K.: Ein völlig wahnsinniger Gedanke. Ein Punkt, etwas unendlich Kleines, aus dem alles entstanden sein soll …

Raoul Schrott: Eine rein gedankliche Behelfskonstruktion. Von der sich dann aber die Welt in all ihrer Wirklichkeit ableiten lässt. Beginnend beim Entstehen der ersten Atome. Und wie aus ihnen Galaxien und Sonnensysteme werden, Moleküle und Minerale und daraus überraschend schnell Leben – und schließlich wir Menschen. Das wollte ich – für mich – nachvollziehbar und anschaulich machen. Weil ich erst beim Schreiben die Dinge auf den Punkt zu bringen, sie zu begreifen vermag. Und in einzelnen Erzählungen, weil wir doch in Geschichten denken. In dem Sinn also stellt Erste Erde Epos eine Genesis dar, ja.

M.K.: Eine Parallele zum großen Buch der Juden?

Raoul Schrott: Nur insofern, als die um 600 v. Chr. entstandene biblische Genesis ja damals auch auf dem letzten wissenschaftlichen Stand war – den sie zu einer Erzählung zusammengefasst hat, um ihn vermitteln zu können. Während heute die vielen einzelnen Fachdisziplinen ein anderes, weit umfangreicheres Wissen besitzen – ohne dass all ihre Erkenntnisse aber bislang zu einer neuen Welterzählung geführt hätten, die sie überblickbar macht und ihnen als eine Geschichte eine einheitliche Gestalt verleiht. Die wollte ich zumindest für mich herausarbeiten. Und das ohne eine Idee Gottes – die mir immer schon absurd erschien. Eine humane, oder wenn du so willst, humanistische Genesis.

M.K.: Und damit auch eine atheistische Genesis auch nicht gerade die bescheidenste Ambition …

Raoul Schrott: Du mit deiner Ambition wieder! Für mich ist das vielmehr Ausdruck eines zutiefst existentiellen Bedürfnisses, einer Notwendigkeit, die einen die christlichste aller Tugenden lehrt: Humilitas. Ehrlich, ohne jedes Pathos. Die Herausforderung, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, lehrt einen, menschlich gesehen, eines: Bescheidenheit. Indem man die Begrenztheit des Wissens und Sprachvermögens merkt, über das unsereins verfügt. Wie dünn die Worte sind, trotz aller Suggestivkraft, die ein poetisches Wort zu erzeugen vermag. Oder geht’s dir da anders? Andererseits gibt’s aber keinen wirklichen Grund für Unbescheidenheit. Ich meine, ich habe nichts anderes getan, als die Konstrukte der Welt zu verstehen, welche die Wissenschaften aufstellen – um sie in Literatur umzuschreiben. Für eine humanistische – nein: humane Genesis. Weißt Du, was ich meine?

M.K.: Warum kommen Wissenschaft und Poesie nicht mehr zusammen? Bei Hesiod, der uns als Theologe des Altertums die erste Welt und Göttergeschichte erzählt, sind die beiden noch eins. Ist die Frage im 21. Jahrhundert naiv? Oder gar dumm?

Schrott: Weder noch. Die Trennung der Wissenschaften von unserem, wie soll man sagen, sonstigen kulturellen Leben, zumindest aber dem Schreiben, das ja von Sinnlichkeit lebt, begann wohl mit Galileos Teleskopen – den Instrumenten, welche die Welt nur mehr mittelbar anschaulich machten. Und der möglichst weitreichenden Ausklammerung des Subjektiven, die mit ihrer Fokussierung auf Objektives einen beispiellosen Erkenntnisgewinn mit sich brachte. Es ist ja erst kaum hundert Jahre her, dass wir fliegen können – und das inzwischen sogar vom computergesteuerten Autopiloten. Dieser exponentielle Zuwachs an Wissen muss erst einmal verarbeitet werden – und da liegt der Ball jetzt in unserem Lager. Stattdessen aber schreiben wir immer noch von Sonnenuntergängen, als würde sich die Erde nicht von der Sonne wegdrehen, oder skizzieren unsere Figuren aufgrund überkommener Freudscher Psychologien, obwohl sie die Hirnforschung längst als kaum haltbare Spekulationen herausgestellt hat. Letztlich aus geistiger Trägheit verbreiten wir auch weiterhin ein romantisches Naturbild – und das gilt grosso modo auch für die Philosophie, die sich ebenfalls weiterhin auf all die vorwissenschaftlichen Denker von Kant bis Hegel, Husserl, Heidegger oder Merleau-Ponty beruft, als gäbe es nicht längst schon andere Einschätzungen unserer Wahrnehmung und der Natur … statt quantenphysikalische Einsichten aufzuarbeiten und an all die kosmologischen Spekulationen – bei Multiversen angefangen – Ockhams Rasiermesser anzulegen. Trotz allem jedoch hängen Poesie und Wissenschaften grundsätzlich zusammen: Die Wissenschaften erlangen zwar eine Unzahl von neuen Daten – konfiguriert werden sie jedoch von den Denkmustern, die sie in unserem kulturellen Repertoire finden. Der Urknall ist nur eine andere Form des Mythos. Und übernommen wurde diese Form durch den Priester und Physiker Lemaître von Augustinus, der bereits Zeit und Raum aus einem Punkt im Nichts sich entwickeln sah. Ich kenne keinen Wissenschaftler, keinen wissenschaftlichen Artikel, der eine elementar andere, neue Denkweise aufstellen könnte. Selbst die Einsicht der Quantenphysik in die Doppelnatur von Welle und Teilchen kann diese nur als Paradoxon erfassen – die Form des Paradoxons selbst jedoch ist uralt und stammt auch wieder von den alten Griechen. Das gilt selbst noch für Science-Fiction. Weißt du, was mich beim Raumschiff Enterprise immer gewundert hat? Dass die Lebewesen anderer Galaxien nie wirklich anders und neu waren – sondern immer nur aus dem uns bekannten biologischen Repertoire zusammengesetzt: hier ein Teil eines Insekts, dort ein Teil eines Wurms. Ich glaube, wir können gar nicht anders, als uns Neues, Anderes durch eine Kombinatorik von Eigenem und Bekannten zu erschließen.

M.K.: Dein vorletztes Buch dein letztes war der Lyrikband Die Kunst, an nichts zu glaubenwar eine neue Übersetzung von Hesiods Theogonie. War die Übersetzungsarbeit und die damit notwendig verbundene Beschäftigung mit diesem „Gesamtschauenden“ eine Vorarbeit zu Erste Erde? Eine Einübung in die poetische Kosmologie?

Raoul Schrott: Nein, eigentlich nicht. Bei Hesiods Theogonie hat mich, wie schon vor fast zwanzig Jahren, das Thema „Musen“ interessiert: Woher sie kommen und was ihre ursprüngliche Funktion war, bevor sie sich im Hellenismus, und dann bei den Römern und schließlich in der Renaissance zu den Schutzherrinnen der Künste entwickelten. Um mittels ihrer Figurationen – sie sind ja, wie alle Götter, nicht mehr als Verkörperungen unserer ureigenen Projektionen – etwas über die Wurzeln des Schreibens zu erfahren, über Inspiration ebenso wie ursprüngliche Funktionen von Literatur. Und damit auch etwas über den Ort, woher die Einfälle zu den Dichtern kommen. Wobei, wenn ich’s mir recht überlege, es schon seltsam ist, dass man sich als erklärter Atheist mit den Musen-Göttinnen beschäftigt. Als würde man an sie glauben. Was ich letztlich nicht tue. Leider. Oder vielleicht doch…

M.K.: Kann man Dichter sein, ohne an etwas Metaphysisches zu glauben, das man einfachheitshalber Gott nennt, weil man kein besseres Wort hat, keines mit solcher Wucht? Inspiration lässt sich rational doch nicht erklären. Alle Erklärungen, die ich kenne, sind schal, verhalten sich zur Sache wie die Speisekarte zur Speise.

Raoul Schrott: Ich stimme dir zur Hälfte zu. Zum einen hat sich die Poesie, historisch gesehen, aus der Religion entwickelt – die Sprache eines Gebets und einer Predigt unterscheidet sich nicht von der eines Gedichts und einer Erzählung. Aber sie hat sich davon emanzipiert. Dem Meta-Physischen kommt sie aber nicht aus. Was Erde, was blau, was eine Orange ist, das lässt sich alles konkret benennen. Sobald ich sie aber als Metapher und Vergleich zusammenspanne – so wie Paul Éluard das mit seinem „Die Erde ist blau wie eine Orange“ getan hat –, erzeuge ich ein Bild, das über das Physische hinausgeht, sich nicht einmal per Photoshop auf einem Computer generieren lässt und damit Transzendentales andeutet – etwas, das über unsere unmittelbare Wirklichkeit hinausgeht. Dass die Welt über unsere erfahrbare Wirklichkeit und unsere Sinne – und vor allem über unsere Sprache! – weit hinausreicht, ist eine Tatsache, die aber nichts mit Religion zu tun hat. So ist es eben. Die Suggestivkraft der Poesie kann darauf hindeuten …

 


 

Das vollständige Interview lesen Sie in PORTRAIT 07 / 2016.

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