Markus Hofer

Markus Hofer

Nichts ist wie es scheint. 

Ich treffe den Bildhauer Markus Hofer kurz vor der Eröffnung seiner Ausstellung in der Galerie Mario Mauroner in Wien. Er empfängt mich herzlich und mit Bohrer in der Hand. Ein paar Löcher in der Wand müssen auch noch verspachtelt werden. Der Ausstellungsraum ist nicht nur Rahmen, sondern Teil seiner Kunst. Mit seinen Interventionen erzeugt er kleine Brüche in der Wahrnehmung des Alltags, die den Betrachter gedanklich stolpern lassen. Der Künstler unterbricht die Funktionalität von Alltagsgegenständen und macht damit weitere Ebenen hinter unhinterfragt Selbstverständlichem sichtbar. Eine Wand ist keine Wand mehr, wenn die daran lehnende Schaufel sie in Falten schieben kann. Zwei leergedrückte Klebstofftuben sind kein Abfall mehr, wenn sie wie freundliche Beobachter auf einem Regal hocken. Hofer macht die Mehrdeutigkeit von Zeichen wieder sichtbar. Wenn er Jahreszahlen als Längenmaß interpretiert, wird ein Lebenslauf zu einer biografischen Tischlerarbeit. Nach dem Galerierundgang mit Markus Hofer ist nichts mehr wie es scheint.

Herr Hofer, diese Ausstellung in der Galerie Mario Mauroner nennen Sie Das endlose Zimmer. Was ist das Endlose an diesem Zimmer?

Diese Ausstellung plane ich schon seit längerer Zeit. Endlos meine ich hier im Sinne von: Ein Ding ergibt das andere. Es entsteht quasi eine Endlosschleife. Die Sesselleiste wird zum Sessel, der Sessel wird zum Hocker, wird zum Tisch, am Tisch steht etwas drauf. Oder hier: Farbe rinnt aus, rinnt ans Möbel, am Möbel steht eine Blume, die Blume wird zum Bild. Es sind zwar einzelne Gegenstände, die aber mehr als nur ein einzelnes Kunstwerk ergeben. Es sind Mischungen aus Malerei, Skulptur, Architektur. Wichtig ist, dass die Dinge, aus denen die Skulpturen bestehen, ganz banale Alltagsgegenstände sind. Eine Schaufel kennt jeder, einen Blumentopf kennt jeder. Diese Gegenstände sind einem so vertraut, über die braucht man nicht nachzudenken. Aber hier machen sie etwas anders, irgendetwas stimmt mit ihnen nicht. Stellt man also die Dinge in einen neuen Kontext, macht sich der Betrachter über die einfachsten Sachen doch noch einmal Gedanken.

Ich arbeite auch gerne mit dem Paradoxen. Zum Beispiel bei A perfekt way to waste time: Ein Rohr, aus dem Farbe läuft und wieder in sich selbst hineinfließt. Da geht es auch darum, dass der immer gleiche Weg wenig Sinn macht. Oder bei dem Milchkännchen, aus dem viel mehr herausfließt, als drinnen sein kann. In diesen Arbeiten vereinen sich viele meiner skulpturalen Ideen. Es ist ein Alltagsgegenstand, es ist ironisch, es ist irritierend, es ist Skulptur und Malerei in einem. Denn ich behaupte, dass flüssige Farbe auch Malerei ist. Bei manchen Arbeiten ist die Architektur auch noch eingeschlossen, wenn zum Beispiel aus einem Wasserhahn an einer Wand Farbe läuft. Im übertragenen Sinn ist das die Zusammenführung der großen Kunstgattungen. Früher waren Malerei, Architektur und Bildhauerei nicht getrennt. In der Antike war das immer ein Zusammenspiel. Erst die Idee des Museums trennte die einzelnen Gattungen. Plötzlich gab es einen Saal für Malerei, einen für Skulptur. Die griechische Skulptur beispielsweise war immer bunt bemalt, die war nie weiß. Diese Überlegungen spielen in meine Arbeiten hinein. Das ist, glaube ich, auch der Grund, weshalb die Menschen diese Arbeiten so gerne mögen. Natürlich sind sie in erster Linie leicht konsumierbar. Aber hinter dieser ersten Ebene gibt es immer auch eine Geschichte, über die der Betrachter nachdenken kann, die ihm vielleicht sogar eine neue Sichtweise auf seine Wahrnehmung eröffnet.

Wo holen Sie sich Ihre Inspiration?

Ideen habe ich immer. Meistens dann, wenn ich etwas mache, über das ich nicht nachdenken muss. Ein guter Ideenlieferant ist zum Beispiel Duschen. Oder Autofahren. Ich habe das beobachtet. Man duscht sich zum Beispiel jeden Tag gleich. Man beginnt mit der gleichen Hand, man dreht das Wasser immer gleich auf. Es ist so automatisiert, dass man nicht eine Sekunde übers Duschen nachdenkt. Aber während des Duschens geht einem viel durch den Kopf; das Hirn ist voll aktiv, aber unausgelastet. Im Prinzip sind die besten Ideen da, wenn ich etwas anderes tue. Oder wenn nichts mehr geht, weil so viel los ist – noch ein Aufbau und noch ein Termin – dann sprießen die Ideen. Aber wenn ich in den Urlaub fahre, mich in Ruhe irgendwo hinsetze und sage, jetzt habe ich ein paar Ideen: nichts!

Mit welchen Augen gehen Sie durch die Welt?

Wenn ich etwas sehe, das mich interessiert, nehme ich das sofort auf. Viele Dinge, die mich inspirieren, beobachte ich auf der Straße. Ich bekomme auch viel geschenkt. Meine Freunde werfen nichts mehr weg, das kommt alles zu mir.

Mein Hausmeister hat mit jetzt 10.000 Briefmarken geschenkt. Natürlich mache ich daraus etwas. Ich klebe sie so auf, dass die Poststempel eine Zeichnung ergeben. Das Werk heißt International Line. Mir gefällt der Gedanke, dass diese Zeichnungen – im übertragenen Sinn – irgendwelche Postbeamte gemacht haben. Es geht mir immer um sehr banale Gegenstände, die in einem neuen Kontext zu etwas Interessantem werden können.

Ich habe einen ganzen Sack Überraschungen aus Überraschungseiern. Interessiert Sie das?

Im Prinzip ja. Aber die sollten Sie lieber an einen Sammler verkaufen.

Das Werk Der 22. Strassengeist ist geheilt ist auch so ein typischer Fall. Ein Freund kam mit zwei Händen voll Buchstaben zu mir ins Atelier und sagte: Du kannst sicher etwas daraus machen. Ich habe mir dann vorgenommen, einen Satz zu machen, in dem alle Buchstaben, die er mir geschenkt hat, verwendet werden. Auch der Punkt. Und das ist eben dabei herausgekommen. Das sind dann natürlich diese Grenzfälle, die man im Atelier hat und sich fragt, stelle ich das jetzt aus? Die bronzefarbene Patina ist entstanden, weil ich damals einen Schüler bei mir hatte, mit dem ich geübt habe, wie Bronze-Patina erzeugt wird. Und weil das gut zu dieser Schrift passt, habe ich eine Bronzetafel daraus gemacht.

Zu diesem Werk muss man viel wissen, um es zu verstehen.

In dem Fall ja. Aber wenn der Betrachter diese Geschichte nicht kennt, denkt er sich eben eine andere aus.


 

Das Gespräch erscheint in voller Länge in PORTRAIT 2 / 2015.

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