Manfred Wehdorn

DI Manfred Wehdorn

Historische Bausubstanz prägt unseren Lebensraum, in ihr ist Wissen über Tradition und Kultur gespeichert. Wenn es um das architektonische Erbe und dessen Erhaltung geht, dann kommt man in Österreich um einen Architektennamen nicht herum: Manfred Wehdorn. In seiner 40 jährigen Tätigkeit hat er mit seinem Team den Denkmalbestand durch sensible Renovierungen, Bausanierungen und Revitalisierungen neues Leben eingehaucht und damit einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung des baukulturellen Erbes geleistet.

Zu den zahlreichen realisierten Projekten zählen die Wiederherstellung des Redoutensaaltraktes der Wiener Hofburg nach dem Brand 1992, die Erhaltung und Restaurierung von Schloss Schönbrunn, die Revitalisierung des Stadtpalais Liechtenstein in der Wiener Innenstadt, der Um- und Ausbau des Stiftsgymnasiums im Benediktinerstift Melk oder die Kunsthalle im Wiener Museumsquartier, um nur einige zu nennen. Daneben werden auch Neubauten geplant und realisiert, die stets feinfühlig auf den umgebenden Bestand Rücksicht nehmen. Was klein begann hat sich mittlerweile zu dem – für österreichische Verhältnisse – großen Architekturbüro Wehdorn Architekten ZT GmbH mit 40 Mitarbeitern ausgeweitet. Heute wird das Büro von Manfred Wehdorn gemeinsam mit seiner Tochter Jessica Wehdorn geleitet.

In einem von Manfred Wehdorn handschriftlich verfassten Credo ist die Philosophie, nach der das Büro agiert, in zehn Punkten zusammengefasst. Der erste Punkt lautet „Architektur ist Leben“ und genau das ist es, was der dynamische Architekt auch während des Interviews vorlebt und vermittelt.   

Herr Prof. Wehdorn, sie sind seit über 40 Jahren als Architekt tätig und haben sich, wie kein anderer, in der Denkmalpflege profiliert. Wie kam es überhaupt, dass Sie sich in dieser Richtung spezialisiert haben?

Ich habe 1973 begonnen zu arbeiten, da war Denkmalpflege etwas nicht Aktuelles. Wer Architektur studiert hat, hat neue Wohnbauten geplant – aus heutiger Sicht furchtbar schirch zum Teil. In den 1970er Jahren war ja zweifellos der Tiefpunkt der Architektur, mit wenigen Ausnahmen, ich glaube das wissen wir heute alle. Warum? Bis 1973 gab es den wirtschaftlichen Aufschwung, ein Bauboom war die Folge.

Ich hab damals in Büros volontiert, also ohne Bezahlung gearbeitet, das war zu dieser Zeit durchaus üblich und es war eigentlich furchtbar frustrierend für mich – vielleicht hab ich die schlechten Büros erwischt. Das war also das eine, das ich SO nicht wirklich bauen wollte.

Und das zweite war natürlich – wie immer – auch ein bisserl ein Zufall. Ich habe parallel ja auch Kunstgeschichte studiert, da war ein gewisses Basisinteresse da, und irgendwann hat mich der damalige Präsident des Denkmalamtes, Walter Frodl, entdeckt. Er war gleichzeitig Full Professor an der TU-Wien. Und zwar eigentlich für Kunstgeschichte. Die Denkmalpflege wurde an der TU-Wien erst unter  Frodl als eigenes Fach entdeckt, was alles sagt über die 70er Jahre, und ich kam noch als Student an dieses Institut. Dann wurde ich 1973 auch Assistent an diesem Institut und hab mich dort auch habilitiert bekanntlich.

Wunderschön war: Frodl war Kunsthistoriker und immer wenn jemand ans Institut kam, der ein Schloss besessen hat oder ein Palais, der voller Ideen war, aber kein Geld hatte, hat Frodl gesagt: „Das macht mein junger Wehdorn mit Vergnügen kostenlos“. Das heißt, ich bin einfach reingekommen. Das war für mich in Ordnung, würd ich sagen, ich hab ja ein Gehalt bekommen als Assistent und wenn jemand gekommen ist, dann hab ich halt lustig vor mich hin geplant und irgendwann sind die natürlich auch draufgekommen, dass ich es auch realisieren kann und dass irgendwann der kostenlose Beitrag wohl auch nicht mehr möglich ist und so hab ich eben als ganz junger Architekt ein Schloss nach dem anderen bearbeitet. Das ist ja auch der Grund, dass ich so an die 20 bis 30 Schlösser restauriert habe. Ein Großteil davon kostenlos mit ganz kleinen Eingriffen.

Was macht, ihrer Meinung nach, einen guten Denkmalpfleger aus?

Den guten Denkmalpfleger würde, sage ich jetzt bewusst im Konjunktiv, würde auszeichnen, dass er einen Schritt zurück macht, sozusagen die Kreativität in Grenzen hält. Er muss immer fragen, was das Objekt kann und darf nicht mutwillig zerstören.

Es gibt einen berühmten Satz: „Ein Projekt ist aus der Sicht der Denkmalpflege umso besser je weniger man die Handschrift des Architekten sieht.“ Ich glaube das ist die größte Herausforderung, dass man diese Handschrift, die ja jeder Architekt zumindest nach einiger Zeit hat, bei den Projekten zurückstellen muss. Den Architekten in der Denkmalpflege zeichnet also aus, dass er so wenig wie möglich Architekt spielt.

Ich glaube das ist heutzutage die Schwierigkeit, die unsere jungen Kolleginnen und Kollegen, noch mehr die StudentInnen haben. Auf der einen Seite drillen wir ihnen ein, ja Du musst Handschrift entwickeln, Du musst Dir was einfallen lassen und in der Denkmalpflege wird dann scheinbar das genaue Gegenteil gespielt.

Was tut aus Ihrer Sicht der Denkmalpflege gut?  

In den 60er und 70er Jahre war die Denkmalpflege noch nicht greifbar und ein Grund war: Es war zu viel Geld vorhanden.

Die jetzige Situation der wirtschaftlichen Stagnation erachte ich für die Denkmalpflege unwahrscheinlich gut. Da weniger Geld vorhanden ist fragt man von vornherein „Kann man die Steinschwelle nicht umdrehen und wiederverlegen?“ oder „Brauch ich unbedingt neue Türen, oder neue Fenster oder kann ich die nicht reparieren?“ Genau das tut dem Denkmal gut.

So wie es dem Denkmal gut tut, wenn nicht alles auf einmal gemacht wird. Das ist zwar für den Architekten schrecklich, klar, weil es für ihn immer furchtbar viel Aufwand ist, aber für das Objekt ist das schon sehr, sehr gut.

Wie gehen Sie und ihr Team mit der Verpflichtung für Bescheidenheit an Ihre Projekte heran?

Wir überlegen uns immer zu allererst, was bring ich in das bestehende Haus hinein und nur wenn es unumgänglich notwendig ist, dann überlegen wir uns, wie erweitere ich das Haus – nach oben, nach unten, durch einen Zubau oder was auch immer. Das heißt, die neue Architektur wird nie zum Selbstzweck, sondern unterstützt oder ist notwendig, weil es die Funktion so verlangt.

Ich habe mal den Satz geprägt: „Jedes Haus ist eine Persönlichkeit.“ Ich schaue also wirklich Häuser wie Menschen an. Auf der einen Seite hilft es mir, weil – so wie wir uns im Laufe eines Lebens verändern, finde ich nichts daran, wenn sich ein Denkmal verändert, solange es – und das ist das Wesentliche – im Anstand passiert. Gemünzt auf den Menschen, heißt das in Anstand altern. Das ist für Menschen genauso schwer wie für Gebäude – manchmal. (lacht)  Das halte ich jedoch für etwas ganz, ganz Wesentliches.

Gibt es Kriterien, die die Erhaltung der „Persönlichkeit“ eines Gebäudes unterstützen?

Als wichtigstes Kriterium steht immer die Funktion – wofür verwende ich das Gebäude. Es ist und bleibt, dass nicht jedes Haus für jeden Zweck umzubauen ist. De facto ja, aber dann verliert es viel von seinem Charme, von seiner – wie wir heute großspurig sagen – Authentizität. Das ist vollkommen klar.

Für Objekte, wie beispielsweise das Stadtpalais Liechtenstein, ist es großartig, dass die Familie, für die das Haus mehr oder minder vor 350 Jahren erbaut wurde oder wenigstens fertiggestellt wurde, dass die noch immer drinnen leben. Das ist für das Gebäude das Beste, was es überhaupt gibt.

Sie haben viele Bauherren, wie eben auch beim Stadtpalais Liechtenstein, aus der Hocharistokratie. Gibt es etwas, was diese speziellen Bauherren auszeichnet?

Was ich auch gelernt habe von meinen Auftraggebern aus der Hocharistokratie ist, dass sie  alle sehr bescheiden wohnen – in so einem Schloss zu leben bedarf sehr viel Liebe zum Erbe.

Ich kann mich noch gut an eine Begebenheit mit Ferdinand Graf Abensberg und Traun erinnern, der in Schloss Meissau wohnte. In dem Schloss gibt es Türen mit einer Durchgangshöhe von 1,75 Meter. Das würde ja wohl jeder vergrößern. Traun, der selbst an die zwei Meter groß war, sagte aber, “Ach wissen Sie, junger Freund, ich muss mich sowieso überall bücken, sollen es doch die anderen auch tun.“ So haben wir also die 1,75-Meter-Türen gelassen. Und jeder kann damit leben.

Ich möchte noch einmal auf das Stadtpalais Liechtenstein zurückkommen. In der Zwischenzeit wurde das Projekt von der EU ausgezeichnet und man kennt es weltweit. Was zeichnet dieses Projekt aus?

Beim Stadtpalais Lichtenstein ist es einfach gelungen, durch den Perfektionismus der Restaurierung zu punkten. Die Intervention ist nur indirekt sichtbar, man geht hinein und schaut beispielsweise, wo die Klimaanlage ist, das ganze Haus ist natürlich klimatisiert und zwar wie ein Museum, nur man sieht einfach nichts.

Im Palais Lichtenstein wird ganz offiziell gesagt, Wehdorn Architekten sind die Erfinder der unsichtbaren Haustechnik. Das Gebäude spielt eben technisch, vom Gebäudeschutz bis zur Beschallung alle Stückeln, aber man sieht sie nicht, oder fast nicht. Das ist das Wesentliche.

Ich glaube, die Qualität liegt vor allem im Detail. Dass wir in so einem Haus sagen, die gängigen Fluchtwegtafeln kannst Du hier nicht verwenden und Du musst eigene Tafeln entwickeln, das ist so ein scheinbar untergeordnetes Detail, aber das macht es dann in der Summe aus. Also auch in der überzeugenden Restaurierung mit heutiger Technik kommt man dann eben schon auch dahin, dass die Leute fragen: „Sag einmal, wer hat den hier die Restaurierung gemacht?“.

Gibt es denn auch Projekte, wo Ihre Arbeit gar nicht ersichtlich ist?

Nehmen wir zum Beispiel die Dr. Karl Lueger Kirche, da kommt man rein und kein Mensch fragt, wer war der Architekt der Sanierung. (lacht) Es ist eben so perfekt, dass die Frage nicht kommt.

Der Architekt steht nur dort im Vordergrund, wo massivere Eingriffe getätigt wurden – wie etwa bei den Gasometern, wie etwa bei den Eingriffen, die wir im Stift Melk gezeigt haben. Gerade in Melk wollte ich ganz deutlich unter Beweis stellen, Weltkulturerbe bedeutet nicht die berühmte Glasglocke drüber.


 

Das Gespräch in voller Länge erscheint in PORTRAIT 2 / 2015.

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