Lisbeth Zwerger

Lisbeth Zwerger

Mit ihren Bildern voller Leichtigkeit, Fantasie und Humor werden Bücher zu Kunstwerken. Lisbeth Zwerger ist eine der bekanntesten Illustratorinnen unserer Zeit und wurde für ihr Werk mehrfach ausgezeichnet. 1990 erhielt sie den Hans Christian Andersen Preis, ihr wurden Einzelausstellungen in Japan, Italien, Deutschland, England und den USA gewidmet. „Eine Künstlerin mit unergründlichem Zauber“, so ihr Kollege Eric Carle über die Illustratorin.

In ihrer schönen Wiener Wohnung empfängt mich Lisbeth Zwerger. Umgeben von Büchern, Bildern und viel Raum steht im Zentrum ein großer Tisch. Hier entstehen gerade die Zeichnungen für ihr nächstes Buch: Das Fräulein von Scuderi.

Interview Gudrun Tielsch | Fotos: Markus Thums

Frau Zwerger, in Ihren knapp 40 Büchern widmen Sie sich immer der großen Weltliteratur. Ob Märchen, Shakespearestoffe, die Bibel, oder MorgensternGedichte, es ist Literatur für Groß und Klein. Sind die großen Stoffe der Ausgangspunkt für Ihre Fantasie?

Die Sprache ist das Wichtigste. Sie zieht mich in die Bilderwelt hinein. Wenn die Sprache zu einfach ist, dann tut sich gar nichts.

Können Sie sich aussuchen, welche Geschichten Sie machen?

Ich kann es mir aussuchen, brauche aber die Zustimmung des Verlegers. Das Problem ist: Ein Bilderbuch muss relativ kurz sein. Das ist eine Einschränkung. Bilderbücher werden für Kinder gekauft und nicht für Erwachsene. Manche Geschichten, wie zum Beispiel Romeo und Julia, sind definitiv nicht für Kinder geeignet, weil es zwei Selbstmorde gibt und drei Totschläge.

E.T.A. Hoffmanns Novelle Das Fräulein von Scuderi, an der Sie gerade arbeiten, ist gleichermaßen Kriminal- wie Liebesgeschichte. 

Stimmt. Es ist für Erwachsene gedacht.

Der Vorschlag dafür kam von der Insel-Bücherei und ich fühle mich sehr geschmeichelt, für einen Verlag, den ich immer so geschätzt habe, ein Buch machen zu können. Vorerst dachte man an Bergkristall. Das ist aber kein Stoff für mich, den großartigen Naturschilderungen kann ich nichts entgegensetzen. Mir müssen vor allem die Figuren nahegehen, zu ihnen muss ich eine Beziehung haben. Die traurigen und tragischen Figuren sind mir am liebsten, mit denen ich ein bisschen Mitleid haben kann, wie zum Beispiel das Gespenst von Canterville, Zwerg Nase, oder der selbstsüchtige Riese. Im Grunde mag ich sogar Cardillac, den Mörder im Fräulein von Scuderi sehr gerne. Er ist eine absurde Figur, mit einer tragischen Kindheit, die ihn zu dem gemacht hat, was er ist.

Entstehen die Bilder zur Geschichte bereits beim Lesen?

Nein. Ich merke zwar sofort, ob mir etwas zusagt, aber ich muss mich trotzdem anstrengen.

Wie entwickeln Sie Ihre Charaktere? Zeichnen Sie viele Entwürfe?

Der Vorgang ist von Buch zu Buch unterschiedlich.  Aber natürlich entwerfe ich. Wenn der Charakter, oder auch die Situation klischeehaft wird, langweilt es mich und ich muss etwas ändern. Es ist eine Sache des Probierens. Beim Fräulein von Scuderi gibt es Schilderungen, wie die Leute aussehen. Ich mache Zeichnungen dazu. Wenn Cardillac, der Bösewicht, plötzlich meinem Zahnarzt ähnelt, dann verändere ich ihn. Ich will ja nicht, dass er sich wiedererkennt. Das Fräulein, die Hauptfigur, also die historische Schriftstellerin Madeleine de Scudery, habe ich tatsächlich im Internet gefunden. Auf alten Illustrationen wird sie eher als mageres Fräulein dargestellt. Die Bilder im Internet haben sie als üppige Person gezeigt, also habe ich sie rund gemacht.

Ihre Bildsprache ist sehr erzählerisch.

(lacht) Ja, ich bin meine eigene Filmregisseurin. Ich treffe die Entscheidungen zur Szenerie, zu den Hauptfiguren und zu deren Spannungsverhältnis.

Könnten Sie sich vorstellen, einmal am Theater Regie zu führen?

Nein. Aber Bühnenbild und Kostüm würde ich wirklich gerne einmal machen. Mein Mann ist zudem Architekt, er könnte mir bei Fragen der Statik und Konstruktion helfen.

2016 erschien von Ihnen das Bilderbuch Romeo und Julia. Sie sagten vorhin, der Stoff sei nicht für Kinder geeignet. Durch einen Kunstgriff ist es Ihnen dennoch gelungen, die Geschichte auch für Kinder möglich zu machen. Sie haben zwei Schlüsse geschrieben. Den dramatischen von William Shakespeare undnach einer Zäsur von zwei leeren Seiten,-ein gutes Ende, wie wir es uns gerne erträumen wollen.

Ja, das ist vielleicht jetzt mein Ziel, dass ich alle tragischen Geschichten gut ausgehen lasse. Dieses Buch entstand übrigens auf Grund eines Traumes. Ich wollte schon immer Shakespeare illustrieren. Eigentlich dachte ich an den Sommernachtstraum. Aber das ist eine wahnsinnig komplizierte Geschichte, mit vielen Handlungsfäden und Verwicklungen. Als ich vor zwei Jahren in Indien war, habe ich dort geträumt, ich würde jemandem erzählen, worauf es in Romeo und Julia ankommt. Nicht die Liebe sei das Wichtigste der Geschichte, sondern die Feindschaft zwischen zwei Familien. Mein Gesprächspartner aber sagte: „Lass doch den Krieg. Sprich über die Liebe.“ Aber ich bestand darauf: „Um die Liebe geht es in diesem Stück nicht.“ Zurück in Wien erzählte ich meinem Verleger von diesem Traum. Er meinte: „Mach es.“

Gab es, außer dem Stück, eine Textfassung in Erzählform?

Wir haben nach einem Autor oder einer Autorin gesucht. Inzwischen habe ich angefangen zu zeichnen und mir eine eigene Fassung geschrieben. Bei der ist es dann geblieben. In den vorhandenen Vorlagen waren viele Dinge verschwiegen, oder ungenau. Romeo tritt zum Beispiel auf und ist unglücklich in eine Rosalinde verliebt. Kaum sieht er Julia, verliebt er sich in sie und vergisst Rosalinde. Das schildert seine Jugend –  er ist 16 –  und den Zustand des Verliebt-Seins. Da ist nichts Romantisches dabei, das ist heftig. Das Tolle ist, dass es beiden, Romeo und Julia, gleichermaßen passiert. Es ist so einvernehmlich.

Gibt es Lieblingsbilder in Romeo und Julia?

Mit der Balkonszene bin ich sehr zufrieden. Die klaren Farben und die Konzentration auf die Liebenden. Genau wie in der Bettszene.

Da ist nicht viel auf dem Bild. Im Hintergrund sieht man Julias Puppenhaus. Sie war ja erst 14. Also dachte ich, sie hat sicher ein Puppenhaus, eine Puppe sitzt darauf.

Auch die dramatische Szene, in der Tybalt ermordet wurde und Romeo flieht, gefällt mir. Ich hätte die Geschichte genauso gut in die Jetztzeit versetzen können, sie ist dermaßen aktuell. Gangs, die gegeneinander kämpfen, feindliche Familien, deren Kinder sich ineinander verlieben. Mir war dennoch klar, dass ich die Figuren in diese Kleider stecken muss. Wenn man Uccello, Botticelli und all diese Maler liebt, dann will man das auch machen. Zudem ist diese Kleidung sehr dekorativ. Auf diesem Bild gefällt mir, dass die Schatten so dunkel sind. Das gibt dem Geschehen eine gewisse Dramatik.

 


 

 

Das vollständige Interview können Sie in PORTRAIT 7/ 2016 lesen.

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