Katharina Stemberger

Katharina Stemberger

Sie ist Schauspielerin, Filmemacherin und UNESCO Botschafterin. Als Tom Cruise ihr letztes Jahr eine Rolle in Mission Impossible anbot, spielte sie gerade im Salzburger Jedermann und musste Hollywood vorerst absagen. Um Unmögliches möglich zu machen, hat die Vielseitige den eigenen Aktionsradius erweitert und setzt sich überall dort ein, wo sie Ungerechtigkeit und Ungleichgewicht spürt. 2012 gründete sie gemeinsam mit ihrem Mann Fabian Eder die Produktionsfirma back:yard, es entstanden Dokumentarfilme wie Griechenland blüht als Beitrag zur Situation der Griechen in Zeiten der Wirtschaftskrise, sowie Keine Insel, als Aufruf, die Flüchtlingskatastrophe endlich als europäisches Thema ernst zu nehmen. Ihr Interesse gilt den individuellen Geschichten und der Originalität des Einzelnen, ihr Engagement trägt den Grundgedanken der Solidarität.

Frau Stemberger, Sie haben in den vergangenen 25 Jahren viele unterschiedliche Rollen bei Theater, Fernsehen und Film gespielt. Gab es eine Lieblingsrolle?

Ich durfte die Jeanne d`Arc spielen, das ist nach wie vor meine liebste Rolle. (lacht) Ich habe den Beruf immer damit verbunden, etwas umzusetzen, was ich in mir drinnen spüre. Außerdem wollte ich mit dem, was ich mache bei Menschen etwas auslösen, sie wachrütteln. Wenn ich ganz ehrlich bin, wollte ich Revolutionen auslösen, deshalb waren mir auch immer die Revoluzzer-Rollen am Vertrautesten.

Es heißt: Schauspielerei ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Gab es bei Ihnen ein Initialerlebnis?

Ich wollte eigentlich schon immer Schauspielerin werden, warum weiß ich nicht. Ich kann mich erinnern, dass ich im Kindergarten bei einer Aufführung mitgewirkt habe, wo ich zuerst als Zwergerl aufgetreten bin, in Strumpfhose, Rollkragenpulli und Zipfelmütze und dann als Engerl. Das Gefühl, das ich dabei auf der Bühne hatte war das Tollste und Aufregendste überhaupt. Ich glaube, da ist es mir eingeschossen. Später habe ich die Hälfte aller 76 Karl May Bände gelesen und dadurch war ich in der Welt der Abenteuer zuhause. Mein Plan, so mit elf oder zwölf war, zuerst die Matura zu machen, dann auf´s Reinhardt-Seminar zu gehen, drei Jahre als Schauspielerin zu arbeiten um dann in die Rocky Mountains zu fahren, mir ein Pferd zu kaufen und dort nach dem Rechten zu sehen. Den Bösen eins aufs Happel zu geben und den Schwachen zu helfen. Ein paar Jahre später hat meine ältere Schwester den Beruf ergriffen und ich war total schockiert, weil ich dachte: Das ist absolut unoriginell. Man kann doch nicht in derselben Familie das Gleiche machen. Ich habe mich daraufhin ins Cello gekniet, mit 18 wurde mir klar, dass ich das, was ich in mir höre nicht auf das Instrument in dieser Vollkommenheit übertragen kann. Das war für mich sehr schlimm, ich musste einen Schnitt vollziehen. Der alte Schauspielerwunsch ist wieder hochgekommen. Ich bin mit 18 mit meiner Schwester im Cafe Stein gesessen und es ist unter vielen Tränen aus mir herausgebrochen. Die Antwort meiner Schwester war: „Das finde ich super. Ich zahle dir die Ausbildung.“

Was gehört, im Rückblick gesehen, zu den persönlich entscheidendsten Erfahrungen, die Sie mit dem Beruf gemacht haben? 

Ich habe mir das eingelöst, was meine Ausgangsbasis war: Ich kann umsetzen, was ich mir vorstelle. Letztes Jahr habe ich im Englischen Theater Wittness of a prosecution gemacht, da ist mir das richtig bewusst geworden. Ich stand vor der Premiere vor der Türe und es ist ein angenehmer Frieden in mir eingetreten, weil ich dachte: Das wollte ich erreichen und das ist gut. Es geht gar nicht darum, ob das irgendjemanden sonst noch gefällt. Ich habe mir selber eine Art Absolution geben können, die sehr entspannend war. Ein schöner Moment, in dem ich gespürt habe, dass alles im Leben einen Zusammenhang hat.

Hat sich auch Ihr zweiter Wunsch eingelöst? Glauben Sie, man kann durch Theater und Film Veränderungen bewirken?

Wann immer ich einen guten Film oder eine gute Aufführung gesehen habe, bin ich aufgestanden und wollte in meinem Leben etwas anders machen. Geschichten erweitern die Wahrnehmung und damit kann Veränderung initiiert werden. Deswegen gibt es ja auch in manchen Gesellschaften eine Zensur, weil man diese Kraft als Gefahr einschätzt. Ob ich für andere Initiatorin für Veränderungen war, weiß ich natürlich nicht.

Haben Sie einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn?

Ja. Ich werde immer ganz unrund, wenn ich Ungerechtigkeiten sehe. Schon als Kind habe ich meine Stimme erhoben, wenn ich gemerkt habe, dass jemand ungerecht behandelt wurde. Ich mag Hierarchien nicht, und Autorität funktioniert bei mir ganz schlecht. (lacht) Wenn Menschen, die mit der Macht, die ihnen gegeben ist, nicht umgehen können und sich an Leuten austoben, die sich nicht wehren können, dann kann ich nicht zuschauen.

Gerade beim Theater und beim Film gibt es aber klare Aufgabenverteilungen und starke hierarchische Strukturen. Wie gehen Sie damit um?

Die Leute, mit denen ich gut kann, sind die, die kein Ego-Problem haben. Das wichtigste ist immer die Sache. Wenn es um die Sache geht, ist alles in Ordnung. Es ist klar, dass es eine Aufgabenverteilung gibt und dass manchmal Ansagen gemacht werden müssen. Darum geht es nicht. Was mir schwer fällt ist, wenn Leute aus Unsicherheit heraus Macht ausüben, wenn mit Macht verantwortungslos umgegangen wird. Das Schlimmste aber ist, das habe ich in meinem Leben oft beobachtet, wenn die Würde des Menschen angegriffen wird.

Um die Würde des Menschen in einem erweiterten Sinne dreht es sich auch in ihren beiden Dokumentarfilmen Griechenland blüht und Keine Insel, die Sie mit Ihrem Mann Fabian Eder realisiert haben. Wie kam es zu diesen beiden Filmprojekten und worum geht es?

Der erste Film, Griechenland blüht, ist aus dem Impuls heraus entstanden, dass wir das Bild, das uns die Medien zur Zeit der Wirtschaftskrise 2012 über die Griechen vermittelt haben, so nicht hinnehmen wollten. Wir dachten, das kann vielleicht nicht ganz so stimmen, dass der Grieche faul unter dem Olivenbaum sitzt und fieberhaft darüber nachdenkt, wie er keine Steuern zahlt, wenn er nicht gerade Autos anzündet oder Fahnen. Hinzu kam, dass jeden Tag irgendein Wirtschaftsforscher irgendein anderes Wirtschaftskonzept erzählt hat und es ging nur mehr um Zahlen und Schuldenschnitt. Da habe ich mir gedacht: Es geht um Menschen, Freunde! Es geht nicht um Zahlen oder Ameisen, die wir von links nach rechts schieben. Wenn wir das aus dem Blick verlieren, dann haben wir verloren. Dann werden wir alle gegeneinander ausgespielt. Wir haben das  Friedensprojekt Europa als einen Zusammenschluss verschiedenster Länder, Völker und Regionen längst aus den Augen verloren, weil wir von Banken und Wirtschaftsinteressen und Politikern, die sich haben instrumentalisieren lassen hinters Licht geführt wurden. Mit Griechenland blüht wollten wir unseren Beitrag leisten, indem wir das Bild über Griechenland und vor allem der Griechen, ein wenig zurechtrücken. Fabian ist mit dem Segelschiff und einer kleinen Mannschaft durch das wilde Frühlingsmeer gereist, zu den Inseln und hat dort mit den Menschen gesprochen, hat unglaublich viele Interviews gemacht und die Leute gefragt, wie es ihnen geht. Aus diesen persönlichen Geschichten und Erfahrungen entstand der Film. So erfährt man Dinge, die in den Medien nicht kommuniziert wurden. In den Dörfern haben Leute erzählt, dass über Jahrzehnte, vor allem ab 2000, die Banken die Menschen zuhause am Wochenende angerufen haben und sie gefragt haben, ob sie kein Haus bauen wollen, oder renovieren. Oder einen Kredit für ein neues Auto oder einen Urlaub aufnehmen wollen. Die Leute hatten keine Erfahrung und haben dieses Angebot angenommen, weil sie geglaubt haben, das sei europäisch. Plötzlich war das alles fällig und sie hatten nichts, womit sie es hätten zurückzahlen können, außer ihren Häusern oder Grundstücken. Das ist das Ergebnis von drei Dekaden ungehemmtem Neoliberalismus.

Die junge Generation trifft es besonders hart. Sie sitzen vor einem Trümmerhaufen, den die vorangegangene Generation ausgelöst hat. Dennoch versuchen sie sich eine Zukunft aufzubauen. Einer hat gesagt: Wenn uns unsere Träume genommen werden, dann haben wir verloren.

Hinzu kommt, dass Griechenland mit 1 ½ Millionen Flüchtlingen zu kämpfen hat, womit die Griechen alleine gelassen werden. Allen südlichen Ländern geht es so. Spanien, Portugal, Süditalien, sie alle sind in eine ähnliche Krise geschlittert und werden auch noch mit der Flüchtlingsproblematik alleine gelassen. Wir müssen endlich begreifen, dass das ein europäisches Thema ist.

Damit wären wir bei Ihrem nächsten Film Keine Insel. Diesmal ging die Reise zu jenen Inseln, vor deren Ufern sich Tragödien ereignen, weil Flüchtlingsboote kentern und tausende Menschen sterben. Malta, Sizilien und Lampedusa. Diejenigen, die es schaffen, werden von den Inselbewohnern aufgenommen. Hier haben Sie, ähnlich wie bei Griechenland blüht das Gespräch mit direkt Betroffenen gesucht.

Malta, Sizilien und Lampedusa sind damit alleine gelassen, Menschlichkeit walten zu lassen, während in Mitteleuropa Fremdenhass und Rassismus geschürt wird. Diese Inseln spiegeln das Dilemma der Europäischen Zuwanderungs- und Asylpolitik.

Lampedusa ist eine kleine Insel. Sie sagen von sich selbst, sie sind ein Taschentuch im Meer. Dort leben einfache Leute, Fischer. Die haben nicht viel. Sie haben auch keine großartige Bildung. Es gibt dort 4.000 Menschen und 2.000 Flüchtlinge. Von den 4.000 Menschen sind der größte Teil Grenzschutz, Militär und Carabinieri. Die Inselbewohner hätten wirklich das Recht zu sagen: Wir haben Angst. Oder: Das ist schrecklich. Der Fischer in Lampedusa aber sagt zu dem Thema: Wir sind eine Insel. Auf einer Insel herrscht das Gesetz des Meeres. Das heißt: Wenn jemand in Not kommt, helfe ich ihm.

 


 

Das Gespräch in voller Länge erscheint in PORTRAIT 2 / 2015.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.