Hubert Schmalix

Hubert Schmalix

Mut zur Schönheit.

Einst mit dem Label eines Neuen Wilden versehen, liebt er heute das Dekorative und ist überzeugt, dass das Stille mitunter wesentlich mehr zeigt, wie die Welt im Umbruch ist. Hubert Schmalix zählt zu den international renommiertesten zeitgenössischen österreichischen Malern. Das Kunstforum in Wien widmet dem in Los Angeles und Wien lebenden Künstler noch bis 12. Juli 2015 eine umfangreiche Werkschau. Zu sehen sind aktuelle Werke, eigens für diesen Ausstellungsraum geschaffen. Mit PORTRAIT sprach Hubert Schmalix über den Reiz des Malens, fremde Kulturen und nicht zuletzt: Schönheit.

Herr Schmalix, das Kunstforum in Wien widmet Ihnen eine umfangreiche Werkschau. Sie präsentieren zwei neuen Werkserien – Frauenakte mit großflächigen Teppichmustern verwoben und Landschaftsbilder. Wie wichtig sind Räume in Ihrer Arbeit?

Extrem wichtig, auch bei dieser Ausstellung. Ich war öfter im Kunstforum und habe mir immer gedacht, wenn ich hier einmal eine Ausstellung bekommen sollte, dann möchte ich Arbeiten dafür machen. Und das Glück hatte ich jetzt. Die fünf großen Bilder im ersten Raum, das lange Querformat auf der linken Seite, das waren alles Ideen für diesen Raum. Der Ausstellungsort ist einfach ideal für Malerei. Ich sehe immer wieder, dass Ausstellungen zusammengetragen, die Bilder irgendwohin platziert werden, wo sie hinpassen. Aber für eine Ausstellung Bilder zu malen, das finde ich einfach sehr schön. Eine gute Aufgabe für einen Maler.

Haben Sie immer schon gewusst, dass Sie Maler werden möchten?

Ja, schon als Kind. Mein Bruder, er ist Bühnenbildner, war damals, wie ich klein war, in Graz auf der Ortweinschule, einer Spezialschule für Künstler. Ich habe immer alles nachgemalt, was er gemalt hat. Damals hieß es immer, ich werde Künstler. Und das hat sich durchgezogen bis heute. Ich wollte nie Lokomotivführer werden. Es war tragisch für mich, wie ich bei der Aufnahmeprüfung an der Akademie in Wien durchgefallen bin. Da kommt man als Provinzler nach Wien – es war Herbst und kalt und grau und schmutzig – und dann wird einem so der Boden weggezogen. Aber ich habe mich schnell gefangen, habe in der Mensa Leute kennengelernt, das ganze Jahr dort gegessen und mit Leuten gesprochen, und so kommt man dann auf die Akademie. (lacht)

Sie waren zu Beginn Ihrer Karriere für einige wenige Jahre Teil der als Neue Wilde bezeichneten jungen Malereiszene, die sich bewusst von der Vorgängergeneration absetzen wollte. Haben Sie noch Kontakt zu Ihren ehemaligen Studienkolleginnen und -kollegen?

Zu ein paar, mit denen ich damals intensiv gearbeitet habe. Wirklich intensiv habe ich damals mit Siegfried Anzinger gearbeitet, mit dem war ich die meiste Zeit zusammen. Mit vielen anderen bin ich erst durch die Ausstellungen zusammengekommen, wie es dann hieß, es gibt die Neuen Wilden oder Neuen Maler. Das hat uns erst richtig zusammengeführt. Es war aber ganz gut, so konnte man immer mitgetragen werden. In einer Gruppe wird man oft mitgenommen, auch wenn man nicht wirklich gemocht wird von einem Kurator. Wir haben alle davon profitiert. Ich habe ’76 die Akademie fertig gemacht, wir haben dann alle in der Galerie Ariadne ausgestellt, die sozusagen alle diese Maler aufgefangen hat. Die erste wichtige Ausstellung war für mich in Graz. Wilfried Skreiner, der damalige Leiter der Neuen Galerie, war zuerst etwas skeptisch, weil er nicht genau gewusst hat, aber dann ist er sofort aufgesprungen und hat mich, solange er gelebt hat, extrem gefördert. Die Ausstellung hat auch gut ausgesehen.

Ist das wichtig?

Ja, extrem. Eine Ausstellung muss immer gut ausschauen. Gute Bilder sind im Nachhinein wichtig, wenn sie dann einzeln betrachtet werden, dann einzeln leben müssen. Aber eine Ausstellung muss immer als Gesamtes wirken.

Ist Schönheit ein Thema für Sie?

Schönheit ist ein Wort, das man so nicht sagt. Das reizt mich umso mehr. Man setzt sich immer damit auseinander, kauft sich ein schönes Sofa. Und dann, wenn es darauf ankommt, darf man es nicht sagen. Das finde ich unlogisch. Ich habe gerne ein schönes Bild, eine schöne Keramik. Dinge, mit denen man sich gerne umgibt, die einen beruhigen oder einem guttun. Ich mache lieber die Fenster zu, lass‘ die Jalousien runter und kreiere mir meine Welt.

Aber auch fremde Kulturen, fremde Einflüsse sind für Sie wichtig?

Ja, extrem. Das erweitert den Horizont sehr. Ich habe jedes Mal wieder das Gefühl, dass ich plötzlich eine neue Tür aufmache und dort eine endlose Weite spüre. Ich bekomme eine Beschäftigung, kann hineinarbeiten, lernen, studieren – das ist ganz großartig. Die letzte Sache, auf die ich eigentlich zufällig gekommen bin, ist die chinesische Kultur. Ich hatte in Los Angeles in Chinatown eine Galerie, habe dort in den Läden herumgekramt und Keramiken zu sammeln begonnen. Das eine hat das andere ergeben und plötzlich bemerke ich, wie wenig ich weiß, wie wenig man überhaupt von dieser Kultur weiß. Ich als Maler habe keinen einzigen chinesischen Maler gekannt. Das ist doch schade. Umgekehrt kennt man in China die großen Namen.

Sie gelten selbst in China als Koryphäe unter den Sammlern von Keramiken. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Stücke aus? Was interessiert Sie daran?

Die Figuren stammen alle aus einem Ort, ich habe mich einfach spezialisiert. Da kenne ich mich aus und ich kann es mir noch leisten. Mir gefällt daran, wie lebendig, wie bunt und wie freudig das ist. Die Keramiken waren ursprünglich Ornament auf Tempeldächern, viele wurden wahrscheinlich auch nur für den Tourismus gemacht. Ich sammle südliche Kunst, die in China nicht so sehr geschätzt wird. Sie ist mehr Volkskunst, nicht die hohe Literatenkunst. Das sind alles Figuren aus der chinesischen Oper. Auf jedem Tempel kommt die Sonne vor und der Mond, das muss sein. Und dazwischen gibt es immer den Fries, der von einer Geschichte, von einer Oper handelt.

Können Sie auch mit der Musik etwas anfangen?

Doch. Ich höre sie mir an und ich bemühe mich sehr, dabei zu bleiben. Verstehen tue ich natürlich gar nichts, aber die Chinesen verstehen auch nichts. Die Sprache ist so kompliziert und fremd, dass auch die Chinesen den Gesang nicht verstehen. Sie verstehen, worum es geht. Es gibt verschiedene Opern aus den verschiedenen Regionen. Die kantonesische Oper ist wesentlich lauter als die Pekingoper, in der Pekingoper gibt es mehr Akrobatik und so weiter. Es ist toll, sich das anzuschauen und auch zu hören.

Ihre Bilder zeichnen sich durch eine besondere Farbigkeit aus. Wie wichtig sind Farben?

Das ist das Um und Auf für mich. Das ist wie Neuland betreten, wie ein neues Land kennenlernen. Auch mit den Farben ist es so, dass ich versuche, eine Farbe zu einer anderen zu setzen, mit der ich mich selber erst anfreunden muss. Ich habe mich da auch nie reduzieren wollen. Es gibt Leute, die greifen gewisse Farben nicht an, weil es sich nicht gehört. Im Gegenteil, je schräger, umso besser. Bei zwei Arbeiten im Kunstforum sieht man, dass ich das Motiv gleich verwende und etwas mit den Farben versuche. Das Motiv wird dann irgendwann nebensächlich, weil mich dann nur mehr die Zusammensetzung von Farben interessiert.

Was ist der Reiz des Malens?

Malen ist etwas Spezifisches. Etwas, das man mit anderen Dingen nicht machen kann. Materialität. Natürlich kann man dieser Materialität entfliehen, weil man sie nicht will. Für mich war die Materialität immer das Wichtigste an einem Kunstobjekt. Dass man das auch angreifen kann, sehen kann, auch von der Seite sehen kann, wie die Oberfläche ist, ob das glatt oder rau ist, ob es dick ist, ob das schwer oder luftig gemacht ist. Das sind alles so Dinge, die mich erheitern an einem Bild, das schaue ich mir an. Ich schaue mir Bilder immer ganz nah an. Das Thema ist wichtig, aus dem Grund malt man ja ein Bild. Das ist der Motor eines Kunstwerks, dass es überhaupt passiert. Wenn es dann gemacht wird, gibt es andere Kriterien. Das Thema muss dann vergessen werden. Meine Themen sind ja keine großen, keine Erfindungen. Ich reduziere mich aufs Grundsätzliche, Themen, die es immer schon gegeben hat: Figur, Stillleben, Blumen, Landschaft.

Wenn man an Matisse denkt, der während der deutschen Besatzung nach Nizza geht und Palmen malt, an Morandi. Oder an Giacometti, in dessen Arbeit die französische Intellektualität etwas entdeckt hat, obwohl kein vordergründiges Merkmal darin ist. Dass man dort einen politischen Zustand merkt, der nicht vordergründig ist, das finde ich interessant an einem Künstler. Dass er etwas auf ganz sensible Weise spüren lässt und es trotzdem nicht ausdrückt. Ich suche mir Halt bei den Künstlern, die mir etwas vermitteln, ohne plump zu sein.

Denken Sie beim Arbeiten seriell?

Die Eigenheit der Malerei ist, dass Dinge entstehen. Man kann sich ja nicht hinsetzen und sich etwas ausdenken. Während man eine Sache macht, denkt man an das Nächste, weil in dieser Sache etwas ist, das man beim Nächsten weitermachen möchte. Es ist selten so, dass plötzlich ein Blitz einschlägt und man macht etwas anderes. Es ist eine Kontinuität, die ständig da ist und sich entwickelt.


 

Das Gespräch in voller Länge erscheint in PORTRAIT 3 / 2015.

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