Herbert Pixner

Herbert Pixner

Rebell aus den Alpen. 

Herbert Pixner ist einer der kreativsten und eigenwilligsten Musiker des Alpenraums. Mit seiner Band Herbert Pixner Projekt bricht er beherzt Genre-Grenzen zwischen alpiner Volksmusik, Jazz und Blues. Das Publikum liebt ihn dafür.

Herr Pixner, ich habe Sie im Innsbrucker „Congress“ gesehen: ausverkaufte Halle, Standing Ovations. Oder Ihre Amazon-Verkaufszahlen: Ihre CD „Quattro“ ist seit Monaten Nummer eins in den Kategorien Weltmusik und Volksmusik und unter den Top Ten im Jazz. Ist das Erfolg?

Erfolg ist schwer zu definieren. Für mich ist der größte Erfolg, wenn wir Vier von der Bühne heruntergehen und wir für uns ein schönes Konzert gespielt haben. Erfolg ist, wenn ich sagen kann: „Heute haben wir wieder völlig neu improvisiert“, oder wenn wir es schaffen, zwei Stunden die Leute komplett auf die Musik zu fokussieren, ohne Texte, nur mit Instrumentalmusik. Wenn dann wie im Congress in Innsbruck eine schöne Stimmung im Saal ist, freut mich das natürlich. Das sehe ich als musikalischen Erfolg.

Die Stimmung im Konzertsaal schwankt zwischen Bewegungsdrang und Konzentration.

Ja. Beim Großteil unseres Programms ist es so, dass das Publikum sich zurücklehnen und vielleicht zwischendurch die Augen zumachen und das Kopfkino laufen lassen kann. Aber wir haben natürlich auch tanzbare Stücke, die rhythmisch sind, die Groove haben. Sicher, es ist cool, wenn man es als Musiker schafft, 5.000 Leute zwei Stunden durchgehend zum Tanzen zu bringen. Aber jener Moment, den man auskosten kann, wenn man auf einem einzigen Ton draufbleiben kann, ihn ausklingen lassen kann und dann spürt: 800 Leute trauen sich nicht einmal zu atmen, diese Momente sind wirklich schön. So etwas haben andere nicht, darum beneiden uns viele. Wenn man diese Energie rüberbringen kann, dann ist das ein wahnsinnig schönes Erlebnis für einen Musiker und eine wahnsinnig schöne Energie, die man auch wieder vom Publikum zurückbekommt. Man merkt dann sofort, die Leute sind wirklich da, wirklich in der Musik. Das ist schön.

Ich habe Sie im Sommer auf dem Spielberg Musikfestival gesehen, Sie waren ständig umringt von 14-jährigen begeisterten Burschen mit Steirischer Harmonika. Sie sind ein Idol.

Idol ist vielleicht etwas übertrieben. Aber ich merke schon, dass sich im Alpenraum grad einiges tut. Gerade bei den jungen Volksmusikanten. Eigentlich schon seit der Zeit, als ich die ersten eigenen Stücke gespielt habe. Ich glaube, dass es damals für die jungen Leute der Reiz war, meine Stücke zu spielen, weil sie in den traditionalistischen Musikerkreisen teilweise sogar verboten waren. Weil es Stücke für Steirische Harmonika in Moll waren und für alpenländische Musik in ungewöhnlichen Arrangements und Rhythmen. Mittlerweile hat sich aber viel geändert, mittlerweile gibt’s auch Noten dafür. Ich sage auch immer wieder zu den jungen Musikanten: Beschäftigt euch auch mit der traditionellen Musik, mit alten Landlern, mit Boarischen. Spielt auch mit anderen Musikrichtungen und Improvisationen. Wenn die jungen Musikanten die Improvisationen von der CD einfach eins zu eins nachspielen, dann muss man ihnen schon auch klar machen: Das sind Improvisationsteile, wo ihr das spielen dürft, was euch einfällt! Seid kreativ. Probiert selber Improvisationen zu basteln. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Natürlich ist es eine der größten Anerkennungen für einen Musiker, wenn junge Musikanten deine Musik nachspielen, da verzichte ich gerne auf jeden Preis.

Sie kommen musikalisch aus der traditionellen alpenländischen Musik. Sie spielen Steirische Harmonika, Klarinette, Trompete. Mit welchem Instrument haben Sie als Kind angefangen?

Mit Klarinette. In der Musikkapelle bei uns im Dorf.

Ihr Wunschinstrument?

Nein, auf keinen Fall! Das war Schlagzeug! Ich wurde beinahe gezwungen, Klarinette zu lernen, weil bei uns in der Blasmusik die Klarinettisten fehlten. Ich habe das Instrument die ersten drei Jahre nicht wirklich gemocht. Später habe ich mich damit versöhnt und mittlerweile mag ich die Klarinette sehr gerne. Ich habe mit 16 sogar das goldene Leistungsabzeichen gemacht, ich war gar kein so übler Klarinettist. Aber ich hab mich irgendwie nie wohlgefühlt, wenn ich etwas Vorgelegtes vom Notenblatt spielen musste. Ich bin in der Musikkapelle auch immer geschimpft worden, wenn ich bei Märschen die dritte Stimme drüber gespielt habe. (lacht)

Wie kam dann die Steirische Harmonika dazu, die ja heute Ihr Markenzeichen ist?

Es hat bei uns in Walten, in meinem Heimatdorf im Passeiertal, ein Volksmusikseminar gegeben. Und da bin ich als 15-jähriger Bursch mit meiner Vespa hingefahren und hab mich mit Klarinette angemeldet – im Gepäck dabei hatte ich noch das Akkordeon von meinem Vater. Er spielte damals Knopfakkordeon, nicht diatonische Harmonika. Vom Knopfakkordeon hat man mir gleich abgeraten: Dass das alles falsch ist, was ich da mache; falscher Fingersatz, falsche Balgführung. Da war für mich die Lust auf Volksmusik gleich irgendwie weg. Aber dann waren da noch ein paar junge Burschen mit einer Steirischen Harmonika, und das hat mich sehr fasziniert, wie die gespielt haben. Da habe ich mir eingebildet: Jetzt lerne ich auch Steirische Harmonika! Obwohl ich eigentlich zu der Zeit auf dem AC/DC-Trip war und nur auffrisierte Motorräder im Kopf hatte. Alle Freunde und Kollegen haben mich gefragt, ob ich jetzt wahnsinnig geworden bin und wirklich Volksmusik machen möchte. Und da hab ich gesagt: ja, grad zu Fleiß! Je mehr ihr blöd daherredet, umso interessanter wird’s für mich. Mein Vater hat mir dann eine Steirische Harmonika gekauft – er hat dafür zwei der besten Kühe aus dem Stall verkaufen müssen – und ich habe dann im Selbststudium Steirische gelernt. Nach Gehör. Die nächsten vier Jahre, so zwischen 16 und 20, war ich wirklich harmonikakrank. Da hab ich jede freie Minute mit dem Instrument verbracht.

In dieser Zeit habe ich dann auch angefangen, in verschiedenen Volksmusikgruppen zu spielen. Zuerst als Klarinettist, später dann mit der Steirischen Harmonika. So bin ich in die traditionelle Volksmusikszene hineingerutscht. Ich hatte das Glück, mit ganz vielen guten Musikanten spielen zu dürfen. Man ist zwar immer wieder ins kalte Wasser geworfen worden: „Morgen haben wir einen Auftritt, Noten gibt’s nicht, wir spielen auswendig, spiel einfach dazu.“ Da hat man mitgemacht, oder eben nicht mitgemacht.

Mit der Zeit sind dann meine eigenen Stücke dazugekommen. Die Stücke waren gerade auf den Volksmusikseminaren, bei denen ich damals viel unterrichtet habe, verpönt. Ich habe vieles in Moll gespielt, zumindest die eigenen Stücke. Moll und verschobene Rhythmen sind in der Volksmusikpflege nicht unbedingt hoch angesehen! Am Anfang war ich relativ eingeschüchtert, bis ich mich dann irgendwann gefragt habe: Für wen spiel ich denn eigentlich. Ich möchte für Leute spielen, die meine Art der Musik spüren und nicht für irgendwelche selbsternannten Musik-Päpste, die sowieso nicht zugehört hätten, auch wenn ich traditionelle Volksmusik gespielt hätte.

Sie verbinden unglaublich vielschichtige Musikrichtungen mit der traditionellen Volksmusik. Wo haben Sie Berührungsängste?

Mich hat musikalisch eigentlich immer schon alles interessiert, was „handgemacht“ ist. Das ist ganz gleich, ob das jetzt Klassik ist oder Rock oder Jazz oder Blues. Auch Volksmusik. Ausgenommen seichte Schlagermusik, damit kann ich nur wenig anfangen.

Zu wenig Groove?

Ich weiß nicht, das war mir immer zu glatt, zu geschminkt.


 

Das Gespräch in voller Länge erscheint in PORTRAIT 2 / 2015.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.