Emma Cline

Emma Cline

Ihr Debüt The Girls wird als die literarische Sensation aus Amerika gehandelt. Bereits im Vorfeld der Bucherscheinung sorgte das Erstlingswerk der damals 25-Jährigen für Schlagzeilen. Es kursierten Gerüchte um einen „Manson-Family-Roman“ der bis dahin beinahe unbekannten Autorin, ein sensationeller Zwei-Millionen-Dollar-Vorschuss für einen Drei-Bücher-Deal am Ende eines Bietverfahrens zwischen mehreren Verlagen wurde kolportiert.

Clines Roman ist von jenen Ereignissen inspiriert, durch die die Hippie-Bewegung ihre Unschuld verlor. Charles Manson, dessen unheilvoller Clan, die Manson Family, die hochschwangere Sharon Tate und Freunde des Ehepaares Tate-Polanski ermordete, diente der Autorin als Vorbild für Russell, den wenig begabten Möchtegern-Rockstar mit dem Talent zur Manipulation. Tatsächlich aber ist The Girls das tiefgründige psychologische Porträt der 14-jährigen Evie Boyd, die sich verzweifelt danach sehnt, „gesehen“ zu werden. Clines Verständnis der menschlichen Seele und ihre Sprachgewalt begeistern Publikum und Kritik. Ein Buch, „das dir das Herz bricht und dich umwirft“ (Lena Dunham) – klug, in atmosphärischen Bildern, eine sinnliche, abgründige Reise durch das hippie-bewegte Kalifornien der späten 60er Jahre, „ein brillanter und zutiefst überwältigender Roman“ (Richard Ford).

Interview: Eva Straka | Fotos: Jo Neander

Sie zeichnen in Ihrem Roman The Girls das psychologische Porträt der 14-jährigen Evie, eine Coming-of-Age-Story vor dem Hintergrund der letztendlich mörderischen Ereignisse rund um einen Clan, der von der Manson Family inspiriert ist

Es hat mich immer interessiert, wie die Jungmädchenzeit, wie Mädchen normalerweise dargestellt werden. Oft werden sie zu Symbolen oder zu Klischees reduziert, das gute Mädchen, das böse Mädchen. Es war mir ein Anliegen, eine Version von Mädchen im Teenageralter zu schreiben, die ihnen ihre gesamte Menschlichkeit zugesteht, sie in ihren Gefühlen ernst nimmt. Gleichzeitig gab es für mich eine große Resonanz mit einem Verbrechen, das einen bedeutenden kulturellen Raum besetzt hat, bei dem es ebenfalls in vielerlei Weise um verlorene Unschuld ging. Die Menschen haben ihre Häuser plötzlich als nicht mehr sicher empfunden. Für mich geht es in dem Buch sehr viel um die Gegensätzlichkeit zwischen dem, was sich sicher anfühlt, dem Normalen, und dem, was unter dieser Sicherheit, unter der Erscheinung ist.

Kalifornien, wo Sie auch aufgewachsen sind, spielt eine wesentliche Rolle in Ihrem Roman. Wie kaum ein anderer Ort weckt der Westküstenstaat in den meisten Menschen starke Assoziationen. Er steht für ein bestimmtes Lebensgefühl, ist Sehnsuchtsort. Kalifornien scheint gleichzeitig Brutstätte für Visionäres, aber auch tatsächlich Verrücktes, wie eben die mordende Manson Family, zu sein. 

Aus all diesen Gründen wollte ich über Kalifornien schreiben. Es hat eine extrem interessante Mythologie und Geschichte. Menschen kommen hierher, um etwas anderes zu werden, um einen alternativen Lebensstil zu finden. Ich denke, vieles hat mit der Freiheit zu tun, sich hier absondern zu können und in dieser Absonderung dann oft ein wenig krank zu werden. Die Manson Family ist ein so großer Teil der kalifornischen Mythologie und Geschichte, der in unserem kulturellen Bewusstsein immer noch einen sehr großen Platz einnimmt, obwohl er mittlerweile mehr Symbolcharakter hat. Ich wollte mich in vielerlei Hinsicht damit beschäftigen, ohne mich einem realen Ereignis verpflichten zu müssen. Das als Inspiration für einen Roman zu verwenden, schien mir eine gute Möglichkeit, darüber schreiben, es aber gleichzeitig hinter mir lassen zu können.

Und die Hollywood-Mythologie ist sehr interessant. So vieles in Kalifornien baut auf Phantasien und Projektionen auf, und das trifft auch auf diese Geschichte zu. So viele Beziehungen darin sind Phantasien, einseitige Projektionen, wo keiner den anderen sieht. Ich mochte die Idee, eine Figur zu schreiben, die dem, was sie sich wünscht, mit etwas am nächsten kommt, das gleichzeitig ein schreckliches Verbrechen ist. Genau das bedeutet dieser Sommer für Evie. Für mich ist das ein interessanter Konfliktpunkt.

War die Figur der Evie oder die Geschichte des Clans Ihr Ausgangspunkt für The Girls?

Evie war immer mein Einstieg. Mich hat es nicht interessiert, über jemanden im Zentrum zu schreiben oder über jemanden, der bei etwas derart Extremem mitgemacht hat. Mich haben die moralischen Fragen am Rande von etwas Derartigem interessiert, ich halte das für viel komplizierter. Es hat etwas sehr Schablonenhaftes, an einem Mord beteiligt zu sein. Evie hat diese Klarheit nicht, diese offensichtliche Geschichte. Als Schriftstellerin sind für mich Dinge, die nicht durchschaubar, die komplexer und vieldeutiger sind, interessanter.

Evies Eltern sind frisch geschieden, sie sind in diesem Sommer 1969 einzig damit beschäftigt, sich mit Hilfe von Selbsterfahrungsgruppen oder neuen Partnern selbst neu zu (er)finden. Evie hat sich mit ihrer einzigen Freundin überworfen, vor ihr liegt ein langer, einsamer Sommer, an dessen Ende sie auf ein Internat geschickt werden soll. In einem Park wird sie auf eine Gruppe von Mädchen aufmerksam, von denen etwas Verstörendes ausgeht, die sie in den Bann ziehen. „… die Vertrautheit des Tages wurde gestört von der Bahn, die die Mädchen durch die normale Welt zogen. Geschmeidig und gedankenlos wie durch Wasser gleitende Haie.“ Für Evie markiert dieser Moment den Beginn einer fatalen Attraktion, die den Rest ihres Lebens bestimmen wird. Anders als alle bisherigen Bücher, die sich mit dem Thema des Clans beschäftigen, rücken Sie die Mädchen ins Zentrum.

In einer typischen Geschichte wäre Russell der Hauptcharakter. Das entspricht unserer Erfahrung mit Erzählungen, dass sie sich auf den charismatischen Mann im Zentrum konzentrieren. Ich mochte die Vorstellung, ein Buch zu schreiben, wo Russell ein wirklich flacher Charakter ist (lacht), zweitrangig, nebensächlich, wo die Handlung und das Interesse bei den Mädchen angesiedelt sind. Ihre psychologische Dynamik und ihre Kraft sind für mich viel stärker.

Beim Lesen von The Girls gewinnt man den Eindruck, dass sich die Mädchen und Burschen in sehr unterschiedlichen Welten bewegen.

Speziell in der Pubertät ist es fast so, als ob Mädchen mit dieser anderen Sprache indoktriniert wurden, die die Burschen nicht einmal sprechen, weil ihnen niemand diese Darstellung von Liebe und Romantik erzählt. Sie sind einfach sie selbst. Frauen haben das Gefühl, dass sie wirklich hart daran arbeiten müssen, ein Mädchen zu sein. Es ist nichts, was einfach so passiert, man muss etwas leisten dafür. Es gibt diesen übersteigerten Blick auf die Welt, wo alles etwas bedeuten muss. Ich glaube, Burschen erleben das nicht auf diese Weise. Ich finde das interessant, mein Freund, der erwachsene Kinder, eine Tochter und einen Sohn, hat, meinte, dass Jungs so viel physischen Raum einnehmen, man bemerkt sie einfach. Mädchen nehmen, speziell als Teenager, so viel psychologischen Raum ein, als Eltern fühlt man das, ihr Gehirn arbeitet drauflos.

Und Mädchen nehmen einen interessanten Raum in der Kultur ein. Sie werden zum Fetisch erhoben, es liegt ein derartiger Fokus auf ihnen, gleichzeitig werden sie nicht ernst genommen, auf ein Klischee reduziert. Am meisten interessiert mich diese unglaubliche Arbeit und Energie, die sie darauf verwenden sollen, sie selbst zu sein, all diese Abstufungen von Selbstbewusstsein und Vergegenständlichung des Seins, wie sie Jungs, meiner Wahrnehmung nach, nicht erleben. Ich wollte einen Charakter schreiben, der sich als Nebeneffekt von dieser Art des Aufwachsens selbst fremd wird. Evie fühlt sich, als ob sie auf etwas außerhalb von sich wartet. Sie wartet, dass ihr Leben beginnt, fokussiert auf andere. Das war eine interessante Herausforderung, weil es in der Ich-Form erzählt wird. Wie stellt man diese Form von Bewusstsein dar? Jemand, der im Körper ist, sich aber gleichzeitig aus der Distanz beobachtet. Jemand, der passiv ist, sich aber immer und immer wieder der Gefahr aussetzt, fast zwanghaft.

In Ihrem Essay See me reflektieren Sie – auch anhand Ihrer eigenen Geschichte, Ihrer Begegnung und Brieffreundschaft mit dem einflussreichen Radiomoderator Rodney Bingenheimer als Dreizehnjährige, Ihrer frühen Faszination für die Manson Family – das Bedürfnis junger Mädchen, wahrgenommen zu werden. Sie schreiben, dass „wir alle in irgendeiner Form ausgewählt werden wollen“ und „es vielleicht nur ein Zufall ist, welche Frauen von der Gewalt ausgewählt werden. Mir fällt ständig auf, wie leicht sich die Dinge für mich zum Schlechten hätten wenden können.“

Wir haben diese angenehme Darstellung, dass Dinge bestimmten Leuten passieren, weil sie bestimmte Entscheidungen getroffen haben oder weil sie einfach so sind. Meiner Einschätzung nach hängt viel mit Zufall und Glück zusammen. Darum geht es auch in dem Buch. Für Evie fühlt es sich so an, dass sie nicht, weil sie ein guter Mensch ist, an den Morden unbeteiligt war. Es war mehr Glück und Fügung, fast eine Art von Verschwörung. Sie erlebt das als sehr verstörend und verunsichernd, weil: Was erzählt das darüber, wer sie ist?

Sie sind in einer sehr großen Familie aufgewachsen, mit zwei Brüdern und als älteste von fünf Schwestern. Sie hatten viel Gelegenheit, gerade auch junge Mädchen zu studieren.

Definitiv. (lacht) Ich denke, deshalb bin ich auch so an Gruppen interessiert. Das Erinnern der Gruppendynamiken ist auch das, was mich an Kommunen so interessiert. Über Kommunen zu schreiben ist wie das Schreiben über Familien, nur vergrößert. Das überhöhte Gefühlserleben junger Mädchen, alles, was ich bei mir selbst nicht zuordnen konnte, konnte ich bei meinen Schwestern immer und immer wieder beobachten. Es gab gewisse Muster und Merkmale, die die Jungmädchenzeit ausmachen. In vielerlei Hinsicht sind das universelle Bedürfnisse: das Dazugehören, das Gesehenwerden, zu fühlen, dass dich jemand wirklich kennt. Aus diesem Grund empfinde ich das Buch nicht an 1969 gebunden.

Heute haben wir Social Media als Instrument für dieses zeitlose Bedürfnis.

Sehr vieles im Buch dreht sich um das aktive Sehen oder Gesehenwerden. Social Media ist ein interessantes Experiment, wie man das Gesehenwerden messbar macht. Du kannst genau sagen, wie viele Menschen dich gesehen haben, wie viele auf dich reagieren, indem sie dich „liken“. Das ist eine übersteigerte Form desselben Bedürfnisses.

 


 

Lesen Sie das Interview in voller Länge in PORTRAIT 7 / 2016.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.