Cornelius Obonya

Cornelius Obonya

Cornelius Obonya steht im Sommer 2014 zum zweiten Mal als Jedermann auf dem Salzburger Domplatz. Der Schauspieler über BMW-Fahrer, Theaterkantinen und die Kunst, vom Publikum nicht gemocht zu werden.

Ihre »Jedermann« Darstellung hat, von Euphorie bis mäßiger Ablehnung, bei Publikum und Presse hohe Wellen geschlagen. Was ist Ihre Auffassung dieses Hofmannsthalschen Werkes, bzw. der Figur des Jedermann?

Das Stück ist ein Vexierspiel. Eine Art Comicstrip. Ein Holzschnitt. Der Jedermann ist ein Jedermann. Ein Supernormalo. Das Stück heißt im Untertitel ja auch »Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes«, und nicht »Das Spiel vom Sterben des Superbösewichts«. Er ist ein Mensch, der einfach über die Stränge schlägt, wie zum Beispiel ein Manager à la Dominique Strauss-Kahn. Dem ist in seinem Leben viel zugefallen, er hat eine große Karriere gemacht, da ist neben Eigenleistung ja auch immer eine große Portion Glück dabei, und er hat einfach Spaß daran. Er kann sicher auch sehr nett sein, hat Frau und Kinder, und führt so nebenbei ein leichtes Doppelleben, auch schon egal. Ihm laufen vermutlich 15.000 Blondinen nach, von denen dann zwei hinten in seinem Porsche sitzen. Natürlich spendet der auch für irgendwelche karitativen Zwecke und wirft auch mal einem Bettler etwas in den Hut. Allerdings hat er mit Sicherheit keinen besonderen Blick mehr für eine gewisse Verhältnismäßigkeit seines Tuns. Er denkt sich: „Oida, ich bin ich, der Rest ist mir doch wurscht!“ Solche Menschen laufen zu Tausenden in unserer heutigen Welt herum. Das sind auch die BMW Fahrer – ich sage das jetzt einmal ein bissel banal – die auf der Autobahn drängeln und schneiden, und hernach mit einem Auto auf zwei Parkplätzen stehen. All das sind Jedermänner! Auf dieses Rollenbild haben wir uns – die Regisseure Julian Crouch und Brian Mertes und ich – nach stundenlangen Gesprächen geeinigt.

Bis zum Augenblick, in dem der Tod anklopft.

In diesem Moment verändert sich zwangsläufig die Phantasie des Jedermann, weil sich sein lebensmäßiger Hintergrund verändert. Bis dahin hab ich mich in der Rolle ja auch nicht täglich mit Mammon unterhalten, sondern einfach in die Kiste gegriffen! Natürlich denke ich mir als Jedermann zunächst, wenn der Tod kommt: „ich bin so reich, ich kaufe selbst Dich, Du Sau, wer immer Du bist, das ist mir sowieso egal.“ In dem Moment, in dem ich realisiere, dass das nicht geht, dass ich mich vom Tod nicht freikaufen kann, bin ich nichts weiter als ein Mensch, der notgedrungen von einem Trip runterkommt.

Ein Erwachen aus einem Rausch?

Ja genau. Ein Erwachen aus einer vorwiegend lustvollen Allmachtsphantasie, getragen von persönlichem Größenwahn, scheinbar grenzenloser persönlicher Freiheit, die natürlich – und das trifft wohl auf alle Menschen zu, die einem vergleichbaren Wahn erliegen – eine Illusion ist.

Albert Einstein sagte einmal „Diese Welt ist eine Illusion, allerdings eine sehr hartnäckige!“

Schön! Ob es tatsächlich auf die gesamte Welt zutrifft, möchte ich jetzt nicht beurteilen, aber für bestimmte Selbstwertbilder, eben solche, wie sie Jedermänner von sich haben, stimmt die Aussage auf jeden Fall. In dem Stück wird ja auch gesagt, wer das evoziert. Nämlich Gott. Das Lustige dabei ist, und das ist ein wesentlicher Aspekt, den Hofmannsthal meiner Auffassung nach in die Rolle hineingeschrieben hat: ich als Mensch verändere mich ja nicht. Mein Lebenshintergrund verändert sich, und somit werde ich gezwungen, meine Phantasie zu verändern.

So gesehen findet bei Ihrem Jedermann, im Gegensatz zu vielen vorangegangenen Inszenierungen am Salzburger Domplatz, ja auch keine Läuterung statt. Er wird nicht vom Saulus zum Paulus?

Nein. Ich bleibe ich. Das ist die Auffassung, die das Regieteam, natürlich mit dem gesamten Ensemble und mir, erarbeitet hat.

Präzise gesagt ist ja nicht der Tod, sondern das Herannahen des Todesmomentes und das, was sich in einem Menschen davor abspielt, das große Thema im Jedermann. Haben Sie Angst vor Ihrem Tod?

Nein. Ich möchte auch niemanden haben, der mir sagt, ich hätte Angst zu haben. Der Tod kommt sowieso. Aber wieso soll ich mein Leben lang vor dieser Unausweichlichkeit Angst haben, wenn ich sie durch meine Angst sowieso nicht verhindern kann? Also hat die Angst keinen Sinn, weil man sich dadurch nur viele unglückliche Stunden beschert.

Sie stammen aus einer – oder vielleicht sogar der berühmtesten Schauspielerdynastie Österreichs, worauf ich jetzt gar nicht näher eingehen möchte, weil diese Tatsache ohnehin bekannt ist …

Angenehm …

Wann haben Sie den Beschluss gefasst, diesen Beruf zu ergreifen?

Mir war mit 15 bereits klar, dass ich Schauspieler werden möchte. Weil ich es unglaublich interessant fand, dass Leute in der Theaterkantine mit Tonnen von Zigarettenrauch über ihren Köpfen heiß diskutieren und dabei essen. Das bekam ich mit, weil ich meine Mutter aus dem Theater abholte. Das war meine ganze Vorstellung vom Beruf. Ich wollte nichts weiter machen, als das, was ich als Kind liebend gerne gemacht habe, nämlich in die Verkleidungskiste greifen, mir etwas anziehen und spielen.

Nach einem Jahr Reinhardt Seminar sind Sie freiwillig ausgeschieden, weil Sie, wie Sie sagten, das Gefühl hatten, gar nichts zu lernen. Sie sind einem Angebot von Gerhard Bronner gefolgt, in einem seiner Kabaretts mitzumachen.

Bronner residierte im Wiener Café Korb. Der Vertrag war in acht Minuten gemacht, ohne dass ich vorgesprochen habe. Er hat mit mir geredet, mich angeschaut und gesagt: Schau‘n wir uns das an. Dann begann genau die Lehrzeit, die ich mir am Seminar gewünscht hätte. Allerdings reden wir vom Jahr 1986/87, ich weiß nicht, wie es heute am Reinhard Seminar ist.

Sie sagten einmal, für die erfolgreiche Ausübung des Schauspielberufes sind 50 Prozent Talent und 50 Prozent Arbeit nötig. Wenn einer das Talent nicht hat, genügen auch 190 Prozent Arbeit nicht. Was ist Talent?

Uhh, gar nicht leicht zu sagen. Ich würde meinen, Talent ist, wenn ich es als Schauspieler schaffe, Menschen zu berühren. Dass das Publikum gerne zuhört und zusieht. Es kann passieren, dass mir ein Darsteller, der ganz hinten auf der Bühne steht, einen Speer trägt und nur einen Satz zu sagen hat, mehr über den gesamten Inhalt erzählt, als ein anderer Akteur, der vorne einen Monolog hält, dem ich kaum zuhöre, weil er eben kein Talent hat. Wie und warum da bei mir als Publikum eine Regung ankommt, wüsste ich nicht näher zu beschreiben. Ich kann nur sagen, es berührt mich etwas, ich glaube etwas, ich folge einer Darstellung gerne oder eben nicht. Wenn es mich brennend interessiert, was einer zu sagen hat, egal ob er nun der Mörder ist oder wer immer, dann hat er offensichtlich das Talent, mir den jeweiligen Inhalt fühlbar zu vermitteln.

Kann man Talent somit mit dem alten Gemeinplatz beschreiben, dass „eine Analyse nie ein Phänomen aus der Welt schafft“?

Ja, exakt. Vor allem auch nicht das Nicht-Vorhandensein von Talent! Auch das entzieht sich einer Analyse.


 

Das Gespräch in voller Länge erscheint in PORTRAIT 1 / 2014.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.