Clemens Krauss

Clemens Krauss

Bekannt geworden ist der 1983 in Graz geborene und in Berlin und London ausgebildete Maler Clemens Krauss durch seine strukturstarken Figurenbilder. Stets im Fokus seines vielschichtigen und komplexen künstlerischen Schaffens: Fragen nach dem Kontext, in dem sich seine Malerei positioniert, nach deren Beziehung zu gegenwärtigen sozialen, politischen, aber auch persönlich-biografischen Inhalten. In seiner künstlerischen Herangehensweise – Krauss absolvierte vor seinem Kunststudium ein Studium der Medizin und schloss vor Kurzem eine Ausbildung zum Psychoanalytiker ab – verschmelzen Malerei und Performance, Skulptur und Medizin, Analyse und Video.

Die Inhalte seines Werkes zielen darauf ab, mit chirurgischem, neugierigem Blick, Bilder für größere Zusammenhänge zu finden. Seine künstlerische Position ist dabei – unabhängig von den verwendeten Medien – unverkennbar. Seine Arbeiten gelten noch als Geheimtipp der internationalen Kunstszene. In seiner Vita verweist Krauss bereits auf beachtlichen internationalen, institutionellen Erfolg. Clemens Krauss lebt und arbeitet in Berlin. Mit dem Fotografen Oliver Mark verabredete er sich im Park des denkmalgeschützten Schlosses im Berliner Umland, das er seit Kurzem sein Eigen nennt.

Interview: Eva Straka | Fotos: Oliver Mark

Im Linzer OK-Zentrum für Gegenwartskunst ist derzeit im Rahmen der diesjährigen, den Engeln gewidmeten Ausstellung Höhenrausch Ihre temporäre Arbeit Rauschen I Noise zu sehen. Am Ende der Ausstellung wird auch diese Wandmalerei – wie bereits viele weitere zuvor – zerstört.

Es geht dabei weniger ums Zerstören als um den Verweis auf den Luxus des Ephemeren, wie der menschliche Körper an sich, der das Luxuriöseste und Vergänglichste ist, was wir besitzen. Alles, was schön ist, ist vergänglich. Wobei Schönheit für mich keine Kategorie ist, sondern Teil von etwas, wahrscheinlich dem Vergänglichen selbst. Gleichzeitig ist Rauschen I Noise nur eine Wandmalerei, die die Frage nach dem Standpunkt des Einzelnen in einer sich dramatisch verändernden Gesellschaft aufwirft.

Der menschliche Körper ist auch zentrales Thema Ihrer Arbeit, die – oft im wahrsten Sinne des Wortes – unter die Haut geht, uns mit unter die Oberfläche der sichtbaren Erscheinung nimmt. Sie haben vor Ihrem Kunststudium Medizin studiert.

Ich war immer an den Naturwissenschaften extrem interessiert. Aus heutiger Sicht hat mein Kunststudium mit meinem Medizinstudium begonnen, war also Teil meiner künstlerischen Ausbildung.

Gab es einen Moment, ab dem Sie sich als Künstler begriffen haben?

Es war mein frühes Muster, auffällig zu sein und Quatsch zu machen. Ich habe als Sieben-, Achtjähriger in der Volksschule von meinen Klassenkollegen Karikaturen und Comics gezeichnet, Katzen mit Sprechblasen. Damit ist man natürlich noch kein Künstler, aber ich habe damals das erste Mal erlebt, dass man damit gesehen werden kann, dass es da eine Wahrnehmung gibt. Ich habe mich sehr früh für Fotografie und Video interessiert. Mit 11, 12 Jahren habe ich von meinen Eltern eine Videokamera geschenkt bekommen und sehr viel gefilmt, ganze Kurzfilme gedreht, Sketches. Aus dieser Zeit habe ich rund 40 Stunden Material, das ich in aktuellen Videoarbeiten verwende – ich finde auch die Idee spannend, nur noch aus diesem Material mit seinen endlosen Kombinationsmöglichkeiten Arbeiten zu aktuellen Themen zu schaffen.

Künstler zu sein ist eine Haltung. Ich glaube nicht, dass man das wählt, das passiert mehr aus einer Notwendigkeit heraus. Ich habe mich schon früh wie ein Alien gefühlt. Das Unbekannte in einem selbst ist ja auch das Interessante und die Triebkraft – eine meiner aktuellen Video-Arbeiten heißt passend dazu A Stranger to Herself. Es müssen sich ja auch nicht immer alle Dinge erklären lassen. Ich bin ein großer Fan von Nicht-Verstehen, Nicht-Durchschauen, einfach aushalten, dass es so ist. Auch wenn das manchmal sehr schwer ist.

Meine Entscheidung, zum Kunststudium nach Berlin zu gehen, hatte anfangs noch etwas Spielerisches, immer mit der Option, zurück zu kommen. Irgendwann weiß man dann, ich gehe nie wieder zurück, das ist mein Beruf. Das kommt mit der Erfahrung – einer tollen Ausstellung, wenn du von Kuratoren, von Sammlern ernst genommen wirst, wenn du mit Galerien zusammenarbeitest, wenn du wirklich professionell wirst.

Warum haben Sie sich für Berlin entschieden?

Ich glaube, es ging weniger darum, wohin, als um das Weggehen selbst. Graz hat eine sehr verführerische Größe, wenn man aber noch anderes erleben will, muss man weg. Ich bin damals sehr naiv, mit zwei Koffern nach Berlin gegangen, habe bei einer älteren Dame mit Katze zur Untermiete gewohnt. Sie hat mir meine Fragen zu den unterschiedlichen Berlin-Bezirken beantwortet, mir Tipps gegeben – rückblickend sehr lustig. Im Grunde genommen war es ein Sich-komplett-neu-erfinden, ein Total-auf-sich geworfen-sein, tatsächlich so etwas wie eine Geburt. Eine Stadt wie Berlin oder auch London, wo ich danach studiert habe, ganz neu zu erleben, ist ein unglaublich starker Impuls, ein Flash, wenn die Stadt sozusagen in einem einschlägt – eine Erfahrung, die ich jedem wünsche und um die ich jeden beneide, der sie neu erlebt. Berlin ist nach wie vor eine ungemein inspirierende Stadt, auch wenn sie sich sehr verändert, künstlerisch enorm vielfältig, ein guter Ort.

Sie haben sich in Deutschland als Künstler etabliert, werden immer wieder mit dem Label „Berliner Künstler“ versehen.

Ich bin in Berlin sozialisiert, ja. Diese Kategorisierungen finde ich aber wenig sinnvoll, auch nationalitätsbezogene Ausstellungen haben sich, meiner Meinung nach, vielfach überholt. Ich fühle mich stärker mit Künstlerinnen und Künstlern aus Südamerika, Asien oder Australien verbunden, die sich ebenfalls für Körperlichkeit, soziale Konstellationen, politische Mechanismen und deren Zusammenhänge interessieren, als notwendigerweise mit anderen Berliner Malern. Ich habe jetzt gerade in China eine Ausstellung vorbereitet und viele interessante Künstler kennen gelernt. Es ist eine großartige Erfahrung, wenn Kunst zu einer universellen Sprache werden kann, die auch den offenen und diskursiven Austausch erlaubt. Es ist ein Geschenk, wenn man auf diese Weise so viel herumkommen darf.

Sie verbringen die Hälfte des Jahres unterwegs. Ihre oft monatelangen Arbeitsaufenthalte haben Sie unter anderem nach Tokio, Sydney, Sao Paulo geführt. Während Ihrer Residency in Israel sind die Videoarbeiten Berliner Runde und Double Bind in Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Geschichte Israels und Deutschlands entstanden.

Tel Aviv und Berlin haben als Städte einiges gemeinsam. Tel Aviv ist eine offene, junge Partystadt inmitten eines explosiven Weltkonfliktherdes. Bis zur friedlichen Revolution von 1989/1990 galt das auch für Westberlin. Für junge Israelis ist Berlin heute der Sehnsuchtsort und hat inzwischen New York darin abgelöst. Ich kenne viele junge Israelis, die in den letzten Jahren nach Berlin gekommen sind, um dem bedrohlichen Umfeld im Nahen Osten quasi zu entfliehen. Wenngleich in der tragischen, überlebensnotwendigen Dramatik kaum vergleichbar, musste deren Großelterngeneration – wenn es denn überhaupt gelang – aus Deutschland entfliehen. Kaum eine israelische Familie hat keine Migrationsgeschichte hinsichtlich des Holocaust. Diese schwer aushaltbare Widersprüchlichkeit löst in den betroffenen Familien, wo die Enkelgeneration nach Deutschland migriert, verständlicherweise massive transgenerationale Dynamiken aus. Die genannten Arbeiten haben demnach viel mit gegenwärtigen Themen wie Flucht, Vertreibung und der Suche nach einem friedlichen Lebensumfeld zu tun.

Ein weiterer wichtiger Aspekt meiner Arbeit ist das Interesse am Dokumentieren, dem Konservieren und Festschreiben von dem, was uns potenziell verloren geht. Es gibt immer weniger Zeugen einer Zeit, die in historischer Dimension weder besonders lange zurück liegt, noch ausreichend metabolisiert ist, dass sie sich nicht in anderer Form wiederholen könnte. Ich bin durch Zufall auf die Biografie der fast hundertjährigen ehemaligen Vorkosterin Adolf Hitlers gestoßen. Ich bin ihr nicht als Historiker begegnet, sondern als jemand, der sich diesem wortlosen, aber vielsagenden Umstand mit einer ebenso wortlosen Methodik vorsichtig genähert hat. Die Videoarbeit The Taster ist ein sprachloses Zeugnis über diese außerordentliche Dame. Es ist wie ein Versuch, Sprache für etwas zu finden, wofür wir noch keine haben.

Ein wesentliches Moment Ihrer Kunst ist der performative Aspekt. Sie lassen sich mitunter auf ungewöhnliche Ausstellungsformen ein: Für Ihre Werkschau Aufwachen sind Sie samt Ihrem privaten Hausstand und Ihrer Kunstsammlung in die ehemalige Ausstellungsvilla, das Berliner Museum Haus am Waldsee eingezogen. Die Besucher hatten die Möglichkeit, Sie im privaten Ambiente zu treffen, wurden so zum Teilnehmer. Den Besuchern wurden die Prozesse, aus denen Kunst entsteht, eröffnet. Auch in der aktuelleren Ausstellung Es ist Zeit im Museum MARTa in Herford waren Teile Ihrer eigenen Kunstsammlung zu sehen. Hier konnten Besucher auch persönliche „Sprechstunden“ bei Ihnen in Anspruch nehmen. Wo beginnt und wo endet das Öffentlich-Künstlerische und das Privat-Persönliche?

Wenn man sich als Künstler für die öffentliche Rolle entscheidet, dann darf man diese auch mitgestalten. Vor allem darf man über die Modalität verfügen, wann das Private zum Künstlerischen wird – und umgekehrt. In meinem Alltag sind die Grenzen jedenfalls sehr unscharf.

Was war der Antrieb für Ihre fünfjährige Ausbildung zum Analytiker, die Sie als bereits erfolgreicher Künstler abgeschlossen haben?

Die Psychoanalyse ist für mich wie ein weiteres Werkzeug oder ein neues Instrument, mit welchem sich Interessen und Themen medialisieren lassen. Für mich bedeutet es nichts weniger als die Aneignung einer neuen künstlerische Technik oder eines andere Materials.

Was hat sich dadurch verändert?

Zunächst habe ich meine bisherige Arbeit besser verstanden. In zweiter Linie geht es sowohl in der Kunst als auch in der Psychoanalyse um Eingriffe in die Gesellschaft. Mit Eingriff – durchaus ein Begriff, der in der Medizin verwendet wird – ist auch ein politischer Anspruch an die künstlerische Praxis gemeint.

Gerade in der gegenwärtigen Situation stellt sich für jeden Künstler die Frage nach der Rolle, die man innerhalb gesellschaftlicher Gruppen einnimmt – die politische Haltung, die Entwicklung von Teilhabe und Diversität, die eigene Lebensführung usw. Die Frage nach den Möglichkeiten des Mediums und seiner erweiterten Begriffe interessieren mich dabei in besonderem Maße. Die Malerei beispielsweise hört ja nicht mit der Farbe und ihrem Bildträger auf, sondern bezieht neben dem Künstler und dem Werk auch den Betrachter und – wenn man so will – die Gesellschaft mit ein. Es darf und sollte der Anspruch des Künstlers sein, gesellschaftliche Prozesse mitzugestalten und zu verändern. So wie sich im Individuum biographische Muster wiederholen, so wiederholen sich diese Muster in ganzen Gesellschaften. Hier wird es psychoanalytisch: Künstlerische Praxis hat das provokative Potenzial, die Möglichkeit eines anderen Wiederholens zu entwerfen. Für mich bedeutet das nicht unbedingt einen Zwang zur Politisierung der Kunst, sondern in erster Linie eine Erweiterung um diese Dimension „des Dritten“, was letzten Endes eigene fundamentale Erkenntnisse erlaubt. Die Kunst kann sich dabei jener Methoden bedienen, die ebenso wenig einer Zensur wie einer Moral unterliegen: der Übertreibung, des Humors, der Kritik, der Ironisierung, der Ästhetisierung usw. Sie kann dem Unbefragten das Wesentliche entreißen.

 


 

Lesen Sie das Interview in voller Länge in PORTRAIT 6 / 2016.

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