Christine Nöstlinger

„Ehrliche Freunde, aufrichtige Kollegen, wahrheitsliebende Wischer, leiht mir eure Flatterohren!“

Mit solch allmorgendlicher Begrüßung weckte Dschi-Dsche-i Wischer Dschunior via Radio den österreichischen Nachwuchs der 70er Jahre und erzählte aus seinem Leben, das frappant an den eigenen Alltag erinnerte. Kritisch, aber mit Herz und Witz, nahm er die Ansprüche seiner Umwelt ins Visier und wurde bald zur Identifikations- und Kultfigur einer jungen Generation.

Der charaktervolle Dschunior stammt aus der Feder einer ganz Großen: der Schriftstellerin Christine Nöstlinger. In ihren über 100 Kinderbüchern, Essays und Drehbüchern, ihrer Lyrik und zahlreichen Kolumnen erzählt sie über eine Welt, die jeder kennt und die dank ihrer Fantasie, ihrer Beobachtungsgabe und ihres unvergleichlichen Sprachwitzes noch einmal ganz anders erlebt werden kann. Nicht Gute und Böse sind es, die ihre Szenarien bespielen, sondern Menschen, die Mut fassen, Freundschaften leben, Vorurteile in Frage stellen, Schwächen zeigen, Obrigkeiten durchschauen und Gerechtigkeit wollen, aber vielleicht nicht immer schaffen. Menschlichkeit und die Umsetzung eines Miteinanders sind ihr dabei ein zentrales Anliegen.

Prägend für ihr Werk war ihre eigene Kindheit, die im Krieg begann. „Vom Frieden wusste ich als Kind genauso wenig, wie die Kinder heute vom Krieg wissen: ein paar verjährte Bilder und ein verwirrtes Staunen, dass es ihn anderswo gibt.“ Wie inmitten von Trümmerbergen die Familie Menschlichkeit und Vertrauen vermittelt und dabei allzu Menschliches lebt, darüber erzählt die Autorin bei diesem Zusammentreffen. Eine Betrachtung der Wirklichkeit ohne Schönfärberei – ein Gespräch mit Christine Nöstlinger.

Frau Nöstlinger, es ist nicht die heile Welt, die Sie in Ihrer Literatur beschreiben. Oft sind Außenseiter Ihre Protagonisten. Die Menschen in Ihren Büchern, ob Eltern, Kinder, Lehrer oder auch z. B. Nachbarn, scheinen äußerst realitätsnah ausgestattet mit den widersprüchlichsten Charaktereigenschaften und Handlungsmöglichkeiten. Der Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Anmaßung gehört zu Ihren Themen. Haben Sie die Hoffnung, dass Literatur die Kritikfähigkeit schult?

Ich habe einmal wirklich geglaubt, dass die Generation meiner Kinder, für die ich ja angefangen habe zu schreiben, wenn sie erwachsen ist, ein wesentlich besseres, sozialistischeres Leben haben wird als meine Generation es hatte. Daher, dachte ich, kann man ihnen auch wesentlich mehr zumuten, um sie klug, stark und aufmüpfig zu machen. Ich sprach mit Astrid Lindgren darüber, und sie meinte, sie möchte mit ihrer Literatur Kinder trösten. Hochnäsig, wie ich war, habe ich gesagt: „Nein, Astrid, das ist mir ein bisschen zu wenig. Das kommt mir vor wie ein Pflaster.“ Durch Lebenserfahrung musste ich aber dann einsehen, dass es falsch ist, Kindern zu viel zuzumuten, weil sie dann keinen Beistand haben. Was hat ein Kind davon, das grausliche Eltern hat, wenn ich ihm erkläre, dass seine Eltern grauslich sind? Kinder müssen ihre Eltern lieben, das geht gar nicht anders, sonst verkommen sie. Heute höre ich oft von Erwachsenen, die meine Kinderbücher gelesen haben: „Sie haben mir über die schwierigsten Jahre meiner Jugend hinweggeholfen.“ Das ist ein Trost, also muss ich das so akzeptieren.

Schwierigkeiten, die ja zum Leben von allen, also auch von Kindern gehören, benennen Sie. Dennoch bleiben Umstände nicht unlösbar in Ihren Geschichten. Es passieren zwar keine Wunder, aber Sie geben Ihren Charakteren die Möglichkeit, eigene Stärken zu entdecken oder ihren Mut auszupacken.

Ich habe gewisse Regeln, wenn es ums Kinderbuch geht. Ein trostloses Ende möchte ich Kindern nicht zumuten. Ich habe einmal ein Buch geschrieben, wo das Ende auf Selbstmord eines 15-Jährigen hinsteuert. Da habe ich den Schluss offen gelassen. Man weiß nicht, ob er gerettet wird oder nicht. Aber ich würde nie ein verhatschtes Ende hinschreiben, nur damit es gut ausgeht: Papa wird plötzlich einsichtig, die Lehrer verstehen auch, was los ist. Nein, das könnte ich nicht. In irgendwelchen Laden liegen Sachen, wo ich ab einem bestimmten Punkt gemerkt habe: Hoppla, da wird keine Geschichte mehr daraus, die halbwegs freundlich weitergeht, oder überhaupt weitergeht. Dann legt man es weg.

Viele Schriftsteller erzählen von der Blockade des Beginnens. Geht Ihnen das auch so? Was ist schwieriger: Der Beginn oder das Ende?

Der Anfang ist das Leichteste. Dann gibt es eine Strecke zum Durchhängen, und die erste Hälfte des letzten Drittels ist für mich das Schwerste. Am schönsten ist der letzte Teil, wenn man weiß, man kommt zu einem Ende, hat alles durchdacht und braucht es nur mehr zu formulieren.

Denken Sie sich zuerst die Charaktere aus oder die Geschichte?

Meistens zuerst die Geschichte. Schreibend habe ich die Personen anscheinend mit irgendwelchen Eigenschaften ausgestattet, die ich mir nicht ausgedacht habe. Das entstand oft aus einem Sprachwitz. Plötzlich ist man in der Mitte von einem Buch und merkt, dass die Personen, die man beschrieben hat, sich nicht mehr gemäß der Geschichte verhalten würden. Dann beginnt die Geschichte den Charakteren zu folgen und man muss halt nach einem anderen Ende schauen.

Haben Sie auch konkret aus dem Leben abgeschrieben? Charaktere entworfen, die Sie angetroffen haben?

Es waren Mischungen. Heute erkennen viele Menschen z. B. bestimmte Lehrer aus der Schule meiner Töchter wieder. Das kommt nicht daher, weil es dieselben Menschen sind, sondern weil sich die Lehrer so wenig geändert haben.

Obwohl Ihre Geschichten, Ihre Essays oder auch Ihre Lyrik gesellschaftliche Verhältnisse realitätsnah betrachten, fehlt es nie an Komik. Laut lachen gehört zur Lektüre dazu. Sie haben einmal gesagt, Sie wenden keinen Humor an, sonder Witz. Was ist für Sie der Unterschied?

Humor ist eine Grundhaltung für mich, etwas Friedlicheres als Witz. Humor ist nie bissig. Wenn ich mich selbst vor irgendetwas schützen muss, dann davor, zynisch zu werden. Zynismus hat mit Humor nichts zu tun. Ich versuche also, nicht zynisch zu werden, aber manchmal gelingt es mir nicht. Humor tut nicht weh. Zynismus schon. Beim Schreiben kommt eher der Witz hinein.

Am Jugendbuchsektor boomen seit einigen Jahren Fantasy-Romane. Was halten Sie davon?

Ich habe noch keinen einzigen fertiggelesen. Bei mir ist es so: Ich esse zwar nicht auf, aber ich lese auf, was ich einmal aufgeschlagen habe. Aber das einzige Buch, das bei mir kaputtging, weil ich immer im Bett lese und es mir zwischen Bett und Wand runtergefallen ist, war „Der Herr der Ringe“. Es interessiert mich einfach nicht. Ich habe es schwer genug, mich mit dieser Welt auszukennen. Ich will mich nicht in andere Fantasiewelten hineinversetzen. Ich habe auch irgendwelche fantastischen Elemente in Kinderbüchern gemacht, aber es ging immer darum, dass ich irgendetwas zeigen wollte, was mit der hiesigen Welt zu tun hat.

In Ihren Kolumnensammlungen „Werter Nachwuchs“ und „Liebe Tochter, werter Sohn!“, thematisieren Sie die Hürden und Erlebnisse des Altwerdens. Solange man fit und konsumfähig ist, wird das Alter in unserer Gesellschaft als Zeit der Muße und des Genießens dargestellt. Gebrechlichkeit und Verluste werden tabuisiert. In Ihren Beiträgen benennen Sie den Alltag und auch die Rücksichtslosigkeit, die alte Menschen erfahren.

Das muss man auch benennen. Mein Vorbild dafür war meine eigene Mutter, die im Kopf wendig war, aber im Körper schlecht beieinander. Das waren damals Zeitungsartikel, und ich habe schon auch bitterböse Briefe als Reaktion bekommen: „Wie stellen Sie uns 70-Jährige dar! Ich gehe dreimal die Woche Tennis, dreimal pfui über Sie!“ Es gab nicht nur Zustimmung.

Über mein eigenes Alter habe ich nicht so viel nachgedacht. Natürlich gibt es Situationen, wo man spürt, dass sich etwas verändert, das beginnt aber schon sehr früh. Einmal dachte ich, es pfeift mir einer nach, und dann habe ich gemerkt, das betrifft jetzt meine 14-jährige Tochter. Mit 40, wo andere Frauen beginnen, das Älterwerden zu spüren, eilte ich von Erfolg zu Erfolg und von Arbeit zu Arbeit. Ich habe zeitweise 3 Schreibtische gehabt und auf jedem etwas anderes geschrieben, und das hat mir Freude gemacht. Da habe ich mich mit meinem Alter gar nicht beschäftigt.

 


 

Das Gespräch in voller Länge erscheint in PORTRAIT 3 / 2015.

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