Cesy Leonard

Cesy Leonard

„Man kann Protest gewaltlos machen, aber gewaltig.“

Sie ist Mitgründerin, Chefin des Planungsstabes und Aktivistin des Zentrums für politische Schönheit: „Das Zentrum für politische Schönheit ist eine Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit. Das ZPS setzt auf Menschlichkeit als Waffe und gehört zu den innovativsten Inkubatoren politischer Aktionskunst. Es steht für die erweiterte Form: Kunst muss wehtun, reizen und Widerstand leisten“, so die Eigendefinition auf der Website. Mit Aktionen wie Kindertransporthilfe des Bundes, Die Toten kommen oder Erster europäischer Mauerfall machte das Kollektiv auf Missstände in humanitären Fragen der Flüchtlingspolitik aufmerksam. Das Medienecho, national wie international, war groß. Für ihre aktuelle Produktion Flüchtlinge fressen bauten die Aktivisten eine Arena in Berlin, in der vier Tiger auf Freiwillige warteten, die sich öffentlich von ihnen zerfleischen lassen. Not und Spiele lautet das Motto dieser Aktion. Können wir zusehen, wie Menschen vor unseren Augen aus Not in den sicheren Tod gehen, oder werden wir darum kämpfen, dass sich Gesetze ändern? „Die Politik hat ihre Visionen verloren“, so das ZPS, und: „Wir haben alle Ressourcen, um die Welt zu verbessern. Aber statt zu handeln fühlen wir uns machtlos.“ Kann man mit Kunstaktionen gesellschaftliches Umdenken erreichen? Wie weit darf man gehen? Und wie steht es wirklich mit der Freiheit der Kunst? Ein Gespräch mit Cesy Leonard. 

Text: Gudrun Tielsch | Fotos: Jo Neander

Der Name Zentrum für politische Schönheit vereint Widersprüche. Wie kommt man als Künstlerkollektiv auf diesen Titel?

Ja, Politik und Schönheit, das klingt erstmal wie ein Gegensatz, das würde man nie zusammenbringen. Philipp Ruch hat sich diesen Titel ausgedacht, ihn hat die Idee gereizt, Deutschland zum Zentrum für politische Schönheit zu machen. Hinter dem Titel steckt die Idee von Platon, der gesagt hat, dass die höchste und die schönste Form der Kunst die Politik ist. Philipp Ruch wollte mal der SPD beitreten, er hat gemerkt, dass es dort für alles ein Ressort gab, nur für Visionen nicht. Er wusste, man muss etwas gründen, was Visionen hat.

2008 wurde das ZPS dann gegründet. Sie kamen 2009 dazu. Was war Ihr persönlicher Zugang?

Ich war schon immer politisch, in dem Sinne, dass ich mich für Schwächere einsetzte und ein krasses Gefühl für Ungleichheit hatte. Dafür gab es für mich, als ich jung war, kein Ventil. Ich wollte mal einer Partei beitreten, aber die Leute, die ich da kennenlernte, waren mir zu bieder, zu langweilig. Mich hat es immer zu den Künsten gezogen. In der depressiven Einsamkeit des Heranwachsens haben mich Bücher, Musik und Filme inspiriert. Ich sah in der Kunst die meisten Möglichkeiten für mich als Freigeist. Vorerst habe ich als Schauspielerin angefangen und musste mit Erschrecken feststellen: Das ist der Arschkriecherberuf schlechthin. Das war fatal, also habe ich die Seiten gewechselt und selbst Regie geführt. Ich habe angefangen zu schreiben und Filme zu machen. In dieser Zeit ist mir bei einem Machiavelli-Seminar Philipp Ruch begegnet, wir waren beide im Menschenrechtssektor verortet. Mit ihm gemeinsam ist ein Film über eine fiktive Bankerin entstanden, eine Frau, die Nahrungsmittelspekulationen gemacht hat bei einer großen deutschen Bank. Sie kommt zur Besinnung und merkt, dass sie mehr Menschenleben auf dem Gewissen hat als irgendein Diktator. Der Film war halbdokumentarisch, es gab darin ein Telefongespräch mit dem Pressesprecher der deutschen Bank, der gesagt hat, Somalia sei selber schuld an seinem Hunger. Die Deutsche Bank hat gegen den Film geklagt. Es ging durch die Sozialen Medien, dadurch wurde das Video tausende Male angeklickt und hat sich im Netz enorm verbreitet. Das war der Beginn, die Medien als Spielraum, als öffentlichen Raum in unsere Aktionen miteinzubeziehen.

Die Aktionen sind also Kunstaktionen im öffentlichen Raum.

Ja, wir machen Theater. Der öffentliche Raum bezieht sich nicht alleine auf den tatsächlichen öffentlichen Raum, das Laufpublikum, wie das früher Aktivisten gemacht haben, sondern auch auf den neuen öffentlichen Raum, den virtuellen: Facebook, Twitter. Aber auch unsere Medienhysterie machen wir uns zu Nutze, damit spielen wir. Mit unseren Inszenierungen im öffentlichen Raum brechen wir auch die normalen Verabredungen, die es üblicherweise zwischen Publikum und Schauspiel gibt, nämlich, dass das, was auf der Bühne ist, auch dort bleibt. Unsere Aktionen würden nicht funktionieren, wenn wir sie in einem geschützten Raum stattfinden lassen würden, wo man Eintritt bezahlt und seinen Mantel an der Garderobe abgibt. Das würde das Radikale nehmen.

Eure Inszenierungen beinhalten klare politische Forderungen. Braucht es dafür die Kunst als Freiraum und als Mittel, zu provozieren und damit ein größeres Publikum zu erreichen? Dient die Kunst hier nur noch dem guten Zweck?

Es ist eigentlich auch eine Hommage an die Kunst, wenn man so will. Der Kunst wird, abseits vom Geschmäcklerischen, vom Wohlgefälligen und von der reinen Unterhaltung wieder die Bedeutung verliehen, die sie immer hatte, nämlich, Opposition zu sein und die Gesellschaft zum Nachdenken anzuregen. Sie zum Grübeln zu bringen und darüber hinaus eine Veränderung herbeizuführen.

Es gibt Gruppierungen, oder auch Menschenrechtsorganisationen, wie zum Beispiel Amnesty International, die sich ebenfalls für Menschenrechte einsetzen und politische Forderungen stellen. Kann man mit Kunstaktionen eher Veränderung bewirken? Wo ist der Unterschied?

Amnesty hat 3 Millionen Mitglieder und bis jetzt haben sie es auf ihre Art und Weise nicht geschafft, die Bilder von Leichen, die an die Strände des Mittelmeeres gespült werden, zu stoppen. Wir würden uns eine Menschenrechtsorganisation wünschen, die etwas radikaler vorgeht. Man findet das bei Tierrechtsorganisationen, Sea Sheperd zum Beispiel, oder die Rainbow Warriors, die Walfangboote stoppen. Auch Umweltorganisationen wie Greenpeace trauen sich auch schon mal illegal zu agieren. Die haben Aktivisten, die in Atomkraftwerke einsteigen. Amnesty dagegen ist sehr brav. In Berlin sieht man sie immer mit Ständen, wo sie Spenden sammeln. Sie machen auch gute Sachen, haben Journalisten, die über Menschenrechtsverletzungen berichten, aber könnte eine Organisation, die so viele Mitgliedsbeiträge bekommt, nicht ein bisschen böser sein? Amnesty hat vor einiger Zeit eine Aktion gemacht, die hieß: Falten Sie Boote gegen die Toten im Mittelmeer. Sie haben eine Konferenz veranstaltet mit Prominenten. Die haben dann ein Statement dazu gemacht und gesagt: „Bringt eure Schiffchen vorbei.“ So etwas ist für Politiker auch sehr gefällig. Es gefällt einem selbst, weil man etwas gebastelt hat und die Politik lacht sich ins Fäustchen über die dummen Friedensaktivisten und Menschenrechtsaktivisten und fährt nach Libyen und verhandelt mit Verbrechern, wie man die Menschen dort im Land behält.

Was wir machen, nennen wir aggressiven Humanismus. Wir wollen einen kreativeren, phantasievolleren, aber auch kraftvolleren Umgang mit diesen Themen.

 


 

Lesen Sie das Interview in voller Länge in PORTRAIT 6 / 2016.

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