Cecily Corti & Alexander Hagner

VinziRast mittendrin

VinziRast – eine Unternehmung mit Rückschlägen und Fügungen.

Sobald man über das Thema Umgang mit Obdachlosigkeit in Wien recherchiert, stößt man auf soziale und religiöse Einrichtungen und auf Statistiken, aber auch auf die Namen zweier Menschen: Cecily Corti und Alexander Hagner. Diese beiden Persönlichkeiten haben es in den vergangenen 14 Jahren geschafft, durch ihren unermüdlichen Einsatz, ihren starken Willen und ihre Fähigkeiten vier Institutionen ins Leben zu rufen, die es ermöglichen, an den Rand Gedrängte wieder zurück in die Gesellschaft zu holen.

Die VinziRast-Einrichtungen VinziRast-Notschlafstelle (eröffnet am 6. April 2004), Übergangswohnheim VinziRast-CortiHaus (seit Ende 2009),  VinziRast-WG und VinziRast-mittendrin (Eröffnung im Mai 2013) prägen heute selbstverständlich das Stadtbild.Wodurch kam dieses Engagement zustande? Wer sind die Menschen, die dieses Projekt über den ganzen Prozess, vom ersten Gedanken bis heute, tragen und urbane Realität sein lassen? Welche Hürden und Hindernisse galt und gilt es zu überwinden, um aus einer Idee Wirklichkeit werden zu lassen? 

Motivation und gegenseitiges Kennenlernen

CECILY CORTI: Menschen haben mich immer interessiert und in diesem Zusammenhang stellte ich mir Fragen: „Was macht Menschen zu Menschen?“, „Wie werde ich menschlicher?“ oder „Was empfinde ich in mir, was zutiefst menschlich ist?“ All das drückt sich in Beziehungen aus. Die Qualität der Beziehung war für mich immer wichtiger geworden. Warum entsteht in letzter Instanz Krieg? So wie Anfang der 90er in Jugoslawien, dann Irak; Bush, der Bomben werfen lässt, und so weiter. Mein erster Wunsch war nicht unbedingt, helfen zu wollen, sondern mich einzubringen, meine Verantwortung in dieser Welt wahrzunehmen. Nicht nur den Zustand unserer Welt zu bejammern. Was kann ich tun, um vielleicht nur im ganz Kleinen eine minimale Veränderung zu bewirken? Um mich nicht als hilflos oder ohnmächtig und gelähmt zu empfinden? Anfang 2000 war ich ziemlich hoffnungslos. In dieser Zeit begegnete ich Pfarrer Pucher, der in Wien ein Dorf für Obdachlose nach dem Vorbild des VinziDorf Graz auf die Beine stellen wollte. Aber natürlich gab es davor viele Jahre der Entwicklung und Reifung in meinem Leben. 

ALEXANDER HAGNER: Ich habe auch diese Ohnmacht verspürt – Radio, Fernseher aufdrehen und alles ist so arg und du sitzt da und müsstest eigentlich verzweifeln. Diese Ohnmacht wollte ich ersetzen. Ich dachte, dass ich als Architekt gewisse Fähigkeiten, gewisse Werkzeuge habe. Wenn ich mit denen eigeninitiativ gut umgehe und sie verantwortungsvoll einbringe, dann kann ich etwas bewirken.

Ich selbst komme vom Land, dort war Obdachlosigkeit nicht sichtbar, weil diese Menschen zumeist in die Anonymität der Städte wandern oder aber von den Dorfbewohnern aufgefangen werden, da sie ja dort Personen und Menschen mit Namen sind und es eine gemeinsame Geschichte gibt. Als ich nach Wien kam, war ich erstmals mit einer so großen Form der Obdachlosigkeit konfrontiert. Wenn ich den Menschen ein bisschen Geld gegeben habe, dann hatte ich das Gefühl, dass das genau gar nichts bringt. Dann erfuhr ich von Pfarrer Pucher und dem VinziDorf Graz und da wollte ich mitmachen.  Ich rief ihn an und stellte mich als Architekt vor, und er meinte, er könne alle brauchen. An dem Abend in der Pfarre St. Stephan, wo Pfarrer Pucher seine Ideen für Wien vorgestellt hat, haben Cecily Corti und ich uns kennengelernt. So ging unsere Zusammenarbeit los.

Inspiration und Vorbild

C.C.: Pfarrer Pucher sprach an diesem Abend über die Sünde der Distanz und über die bedingungslose Akzeptanz. Das sind die Prämissen für seine Arbeit in Graz und den Vinzenzgemeinschaften. Ich fand, dass das nicht nur für Obdachlose relevant ist, das gilt grundsätzlich für alle unsere Beziehungen. Alle Menschen, die unseren Vorstellungen nicht entsprechen, halten wir auf  Distanz. Wir stellen immerzu Bedingungen für unseren Respekt, unsere Zuneigung. Meine Entscheidung, mich für ein Vinzidorf in Wien zu engagieren, fiel in der gleichen Nacht. Ich bin zwei Tage später nach Graz gefahren und habe mir Puchers Dörfchen angesehen. Anschließend begann ich in Wien mit der Suche nach einem geeigneten Grundstück, ich begann, erste Kontakte für mein Vorhaben aufzunehmen.

Erste Schritte, erste Ideen, scheinbare erste Erfolge …

C.C.: Ich hab unendlich viele Briefe geschrieben. Also an sämtliche Adressen, derer ich habhaft werden konnte. Pfarrer Pucher bestärkte mich stets in meinem Tun. Ich selbst hatte ja null Erfahrung. Es gibt diesen schönen Satz: Fang nur an zu weben und Gott wird dir den Faden dazu geben. Der ist mir immer wieder gekommen. Denn genau so war es. Ich habe einfach einen Schritt nach dem anderen gemacht. Und es hat sich eins nach dem anderen ergeben – gefügt, kann man fast sagen. Da gab es zum Beispiel den Kardinal Schönborn. Er hat allen Pfarren geschrieben. Und Heinz Fischer, der damals noch nicht Bundespräsident war, verhalf mir zu hilfreichen Kontakten. Diese spontane Unterstützung war für mich ganz unerwartet. Meine Suche galt vorerst einem Grundstück. Alex Hagner baute dafür dann schon ein Modell für das Dorf, da sollten aber nicht wie in Graz Container stehen.

A.H.: Sondern Module. Anstatt darüber nachzudenken, wie man Container mit viel Aufwand adaptieren kann, haben wir ein offenes modulares System konzipiert. Container hat man zu der Zeit zwar geschenkt bekommen, aber es ist problematisch, diese hinsichtlich Wärme, Öffnungen, also hinsichtlich aller bauphysikalischen Anforderungen zu adaptieren. Container verursachen zudem Probleme, die mit Stigmatisierung einhergehen. 2002/03 waren Container etwas, wo man Menschen nicht wohnen lässt –  heute in einer Zeit des Shabby-Chick sind sie wesentlich akzeptierter.

C.C.: Die Container wollte die Stadt Wien nicht. Mit Vertretern der Caritas und der Stadt Wien habe ich zu dieser Zeit natürlich auch Gespräche geführt.

A.H.: Unser Ziel war es, die Bauindustrie für Module zu gewinnen, so dass uns einzelne Firmen Material für die Realisierung schenken konnten. Leider sind wir über Jahre an mehreren Grundstücken gescheitert. Wir haben viele Grundstücke angesehen, dafür geplant etc.

C.C.: Von der Pfarre in Aspern hatten wir ein Grundstück angeboten bekommen. Alex baute dafür ein geniales Modell. Damit waren wir im Fernsehen.

Dieses Projekt ist dann gescheitert am Widerstand der Nachbarn. Die haben eine Unterschriftenaktion gestartet mit der Drohung, aus der Kirche auszutreten, wenn die Pfarre uns das Grundstück für Obdachlose gibt!

A.H.: Deswegen mussten wir uns dann das erste Mal hauptberuflich mit dem Thema Akzeptanz von sozial schwierigen Projekten im urbanen Raum befassen. Wo gibt es mehr Chancen auf Akzeptanz, wo weniger?

Es ging ewig hin und her. Eigentlich ist die gesamte Geschichte der VinziRast Unternehmungen eine Aneinanderreihung von „opportunities“, wo zum richtigen Zeitpunkt, vor allem von Cecily, Entscheidungen gefallen sind. Wir haben nie eine Strategie verfolgt. Viel hat sich per Zufall ergeben. Wir waren eine Gruppe, die ein VinziDorf Wien bauen wollte und wir wurden immer wieder verhindert.

C.C.: Erstaunlich viel ergab sich unerwartet. Immer wieder überraschte mich ein Geschenk. Manchmal habe ich ein Bild vom Anfang vor Augen: ein komplettes Dickicht von Stacheldraht. Oder wie Natur, die zugewachsen ist und ein Weiterkommen unmöglich macht. Alle meinten damals, dass ich verrückt bin: „Das kann nur schiefgehen.“ Ich ließ mich nicht beirren, meine Entscheidung war gefallen, klar und ohne jeden Zweifel. Und mit jedem Schritt, den ich gegangen bin, hat sich dieses Gestrüpp gelichtet. Ich glaube, ich habe gelernt zu erkennen, dass es nicht stur ein Ziel zu verfolgen gilt, sondern vielmehr Chancen wahrzunehmen und dabei die Richtung nicht zu verlieren. 

VinziRast-Notschlafstelle

C.C.: Einmal erreichte mich ein Anruf. Es war Michael Gröller, ein mir damals unbekannter Unternehmer. Er sagte, er hätte von dem Projekt gehört und wolle eine größere Summe spenden. Ich dachte, was soll ich mit dem Geld machen – wir haben noch kein Grundstück, ich kann es also nur auf die Bank legen, und das macht Druck auf mich. Ich lehnte also erst mal ab. Einige Wochen später rief ich ihn dann doch wieder an. Er war immer noch bereit, uns die Spende zur Verfügung zu stellen. Vor allem bot er uns seine Unterstützung an bei der Suche nach  einer geeigneten Immobilie. Darüber hinaus – und das war ein ebenso großes Geschenk – wurde er Mitglied unseres Vorstands und ist es bis heute geblieben.

A.H.: Das war im Herbst. Wir hatten beschlossen, für diesen Winter schon einmal eine Notschlafstelle zu gründen, bis wir eben dann ein endgültiges Grundstück gefunden haben würden. Es gab im 12. Bezirk in der Wilhelmstraße günstig ein mögliches Objekt.

C.C.: Eigentlich gab es viele, die ich angesehen habe. Ich fuhr im November, bei eisiger Kälte, von einem Haus zum anderen – eine ganz wichtige Erfahrung! Ich war geschockt, was einem da angeboten wird. Heruntergekommene Räume, in denen Menschen am Boden dicht nebeneinander liegen, in Decken gehüllt, Flaschen, Dosen, Essensreste … Das Haus in der Wilhelmstraße war anders, es gefiel mir sofort, auch weil das Erdgeschoß zu drei Viertel unvermietet brach lag.

A.H.: In den Räumlichkeiten war zuvor ein Betrieb, der Pizzateig vorbereitet hat. Dort gab es einen Brand, wodurch der Betrieb nicht mehr auf die Beine kam. Ansonsten gab es noch einen Goldschmied im Erdgeschoß.

C.C.: Die Wohnungen darüber waren alle vermietet, die meisten Kategorie-D-Wohnungen. Das Haus war nicht schäbig, es war in gutem Zustand und aufgrund der breiten Straße hell. Wir entschlossen uns also, mit einer Notschlafstelle zu beginnen, das Dorf sollte später folgen. Jetzt hatten wir Gelegenheit zu beweisen, dass wir keine Traumtänzer sind. Obdachlose sollten noch im gleichen Winter nach Möglichkeit ein Dach über den Kopf bekommen, und wir konnten uns in der Arbeit üben und Erfahrungen sammeln. Wir waren ja alle ehrenamtlich unterwegs, ohne professionelle Erfahrung. Das kann nicht so schwer sein, dachte ich mir. Übung im Menschsein. Der wunderbare Alex hat die Räumlichkeiten mit sehr geringen Mitteln zu einer Notschlafstelle adaptiert.

Erneute Hürden

C.C.:  Erst meldeten wir uns lange nicht bei den Hausbewohnern. Bis wir dann eine Hausversammlung organisierten, um uns als neue Besitzer vorzustellen. Die Leute hatten da ja noch keine Ahnung, was auf sie zukommen wird.

A.H.: Erst mal herrschte betretenes Schweigen, als wir sie über unser Vorhaben informierten.

C.C.: Natürlich habe ich mit Widerstand, ja, mit Aggression gerechnet. Ich wollte die Menschen verstehen, ich wollte mitvollziehen, warum sie so dagegen sind. Das war nicht einfach. Ganz allmählich hat sich die Atmosphäre geändert, auch weil ich alle um Geduld und eine positive Einstellung bat. Wir versprachen, alles zu tun, um Lärm, Gestank und Unrat zu vermeiden.


 

Das Interview in voller Länge erscheint in PORTRAIT 3 / 2015.

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