Bruno Max

Bruno Max

Der Prinzipal.

Von einer freien Theatercompagnie zu einem Theaterbetrieb mit drei Häusern. Wie gelingt so eine Entwicklung? Der Theaterleiter Bruno Max über die Lust am Theater – und das Prinzip Selbstausbeutung.

Ich traf den Intendanten Bruno Max an einem sommerlichen Junivormittag in seinem Theater Scala. Über der Tür zum Chefbüro zeigen große Uhren die Ortszeiten von Met, Sydney Opera House, Mailänder Scala, Opéra National de Paris und dem Burgtheater. Der Raum ist voller Aktenordner, Bilder, Bücher und Requisiten. Bruno Max empfängt mich auf einem ledernen Chefsessel hinter einem breiten Schreibtisch. Hinter ihm hängt ein großformatiges Ölportrait von: Bruno Max. In einem Regal entdecke ich Modelleisenbahnen.

Herr Max, ein Theatermacher mit einer Modelleisenbahnsammlung?

Natürlich! (lacht) Ich möchte irgendwann ein Eisenbahntheater machen. Ich habe auch schon eine Nebenstrecke auf der ÖBB angeschaut, um dort wirklich Stationentheater auf der Bahn zu machen. Aber das ist ein riesiger logistischer Aufwand und die Mittel müssten stimmen. Oder Theater auf einem Fluss. Mit einem Schiff durch die Lande zu schaukeln wäre auch nett.

Sie haben ein Gespür für ungewöhnliche Spielorte. Der Bunker ist ja auch so ein spezieller Ort.

Ja, das ist der ehemalige Mödlinger Luftschutzstollen, 970 Meter lang und nur drei Meter breit. Das eröffnet uns die Möglichkeit für ein Stationentheater. Das Prinzip ist so: Es ist wie in der Geisterbahn. Die Schauspieler sind die Geister und die Zuschauer sind die Wagerl, die durchfahren. Alle 15 Minuten startet eine neue Gruppe und trifft auf eine Szene, eine neue Geschichte. Das ist extrem spannend, weil der Zuschauer sich nicht in der Sicherheit des Theaters verstecken kann. Der Zuseher ist in einem Stollen auf sich alleine gestellt, er kann sich nicht in seinem Plüschsessel zurücklehnen, sondern bewegt sich quasi durch die Spielfläche. Der ganze Raum ist somit Bühne und Zuschauerraum gleichzeitig – fast 3.000 Quadratmeter Fläche.

Sie leiten mittlerweile drei Theater. Die Scala in Wien, das Stadttheater Mödling und als Sommerspiele das Theater im Bunker. Wie hat das alles angefangen?

Ich hatte schon als Schüler in Salzburg diesen Traum: ein eigenes Theater! Ich hatte im Gymnasium ein paar Stücke inszeniert und zur mündlichen Matura hab ich auch ein Theaterstück gemacht. Am Reinhardt Seminar habe ich dann Regie studiert und danach gleich im Burgtheater als Regieassistent und Schauspieler angefangen. Dort habe ich mein Handwerk von den ganz Großen gelernt.

Als Claus Peymann Intendant der Burg wurde, haben Sie sich verabschiedet.

Ich wollte ja irgendwann meine eigenen Vorstellungen umsetzten. Ich habe 1986 das Theater zum Fürchten gegründet. Am Anfang gab es nur die Compagnie, wir haben in den unterschiedlichsten Bühnen, Gewölben, Burgen und Theatern gespielt. Schon damals viele Elisabethaner, von Shakespear bis Marlowe alles. 1995 haben wir dann im ehemaligen Atlantis-Kino im fünften Bezirk in Wien dieses Haus gefunden. Das ist auch so ein Ort mit bewegter Vergangenheit. Kino, dann Boxclub, Stundenhotel und jetzt eben das Scala. Wir waren ja damals schon das größte freie Wiener Theater-Ensemble.

Dann haben Sie die Ausschreibung für das Mödlinger Stadttheater gewonnen.

Ja, 1997 kam Mödling dazu und zwei Jahre später noch der Luftschutzstollen als dritte Spielstätte. Der gesamte Theaterbetrieb funktioniert deshalb über die Nutzung von Synergien. Es gibt einen Austausch der Produktionen zwischen den beiden Spielstätten Scala und Stadttheater Mödling, was nicht nur kaufmännisch Sinn macht, sondern auch die – nennen wir es „Verstadttheaterung“ der Arbeit verhindert. Den Bunker bespielen wir nur im Sommer mit einem eigenen Programm. Und mittlerweile bauen wir hier in der Scala den Keller als vierte fixe Spielstätte aus.

Das ist für ein freies Theater eine beachtliche Größe.

Wir haben ca. 230 Vorstellungen im Jahr, ohne den Bunker. Mit den Transfers zwischen Mödling und Wien haben wir 20 Premieren im Jahr. Wir haben alle zwei Jahre auch mal eine Kooperation mit einem anderen Theater, aber normalerweise machen wir zehn bis elf Eigenproduktionen. Ohne den Bunker arbeiten hier ca. 60 Schauspieler im Jahr, im Laufe unseres Bestehens haben 350 Schauspieler hier gespielt (lacht). Nicht mal das Burgtheater hat so viele!

Haben Sie ein festes Ensemble?

Ja, das heißt, es gibt Leute, die vier Produktionen im Jahr spielen. Einige sind seit Beginn der Scala dabei. Das Ensemble gliedert sich in konzentrischen Kreisen, also Familie, Verwandtschaft, Freunde, Bekannte, Besucher…

Und das Theater Team selbst?

Winzig. Ich kann es um einen Tisch setzen. Fix sind das ungefähr zehn Leute. Unser Verwaltungsapparat ist sehr klein.

Wie entsteht der Spielplan? Ist das Ihr Hoheitsgebiet?

Ja! Mein Spielplan unterliegt dem Lustprinzip. Es muss mich reizen. Ich habe in meinem Leben über 40 Elisabethaner inszeniert. Von Shakespeare fehlt mir nur Die beiden Veroneser und Heinrich VIII. Mir ist wesentlich, dass es um etwas geht. Shakespeare liebe ich, weil bei ihm es nicht „drei Monate auf Bewährung unter Wahrung der bürgerlichen Rechte“ gibt. Da heißt es halt einfach: „Kopf ab – oder nicht Kopf ab“.

Man findet im 16. und 17. Jahrhundert alles, was man zum Theaterspielen für sehr, sehr lange Zeit braucht. Jede Theaterströmung der darauffolgenden 400 Jahre hat einer der Elisabethaner vorweg genommen. Ben Johnson zum Beispiel antizipiert den halben Nestroy, Dario Fo brauche ich nicht mehr, wenn ich Middelton spiele. Mit Lear ist Beckett hinfällig. Es gibt viele Klassiker zweiten Ranges. Die hier einzuführen, finde ich eine notwendige Ergänzung. Ich mag auch die Russen. Tschechow zum Beispiel ist viel irrwitziger, als er oft gehandhabt wird.

Der Name Bruno Max gilt bei Künstlern wie Publikum als Garant für sinnliches, erzählfreudiges Schauspielertheater.

Ich versuche natürlich Bilderwelten zu machen, gerade wenn ich einen Raum zur Verfügung habe. Das Erzählen soll nicht nur übers Verbale gehen, sondern auch über Bilder. Leute merken sich Bilder besser als Texte. Wenn man etwas auf der Bühne erwähnt, merken es sich 30 Leute, wenn man es zweimal sagt, sind es vielleicht 45 Leute. Aber wenn ich es zeige, wissen es 80 Prozent. Ein Bild bleibt im Gedächtnis. Mir macht es außerdem Spaß, alles andere ist mir zu kopflastig. Wir machen kein unintellektuelles Theater, aber es ist mir wichtig, dass der Zuseher, wenn er aus dem Theater geht, die Geschichte nacherzählen könnte und nicht sagt: Es war toll, aber ich habe es nicht verstanden.

Die Theater kämpfen vor allem um junges Publikum. Gilt das auch für das Theater zum Fürchten?

Wir haben ein sehr treues und gut durchmischtes Publikum und eine gute Auslastung. Natürlich fragt man sich trotzdem: Warum ist die Hemmschwelle vor dem Theater da? Dann stellt man fest, dass viele Leute enttäuscht sind. Bei mir haben sie Musik und Kostüme und eine tolle Ausstattung. Heutzutage gibt es Aufführungen von zwei nackten Männern auf der Bühne, die sich mit Fischen bewerfen und das Ganze heißt dann: Macbeth. Bei uns rufen manchmal Leute an, die fragen: „Ach Sie spielen den King Lear. Ist da mehr als einer auf der Bühne?“ Oder: „Sie spielen den Sommernachtstraum. Haben da alle Tarnanzüge an?“ Alleine aus solchen lustigen Kommentaren könnte ich ein ganzes Buch schreiben.

Die Krise des Theaters hat also auch mit der Machart zu tun?

Fest steht, dass die Menschen viel zu oft Mogelpackungen bekommen. Wenn man Leute belehren will, dann können sie in die Schule gehen.

Wie frei sind Sie in der Programmierung?

Die Subventionsgeber versuchen natürlich mitzureden. Die Stadt Wien hat im letzten Jahrzehnt versucht, über alle freien Mittelbühnen Kontrolle zu erlangen, indem sie die Mietverträge übernimmt und dann nur Intendanten ausschreibt. Das bedeutet: Alle sitzen dort, weil sie einen Wettbewerb gewonnen haben.


 

Das Gespräch in voller Länge erscheint in PORTRAIT 1 / 2014.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.