Albin Paulus

Albin Paulus

Albin Paulus stürzt sich mit Begeisterung auf alles, was schräg und ungewöhnlich ist, vollkommen verkannt wird oder faszinierendes Neuland verspricht: die atemberaubende Maultrommel, psychedelisch-rockige Hendrix Solos auf dem Dudelsack, aber auch die überraschend groovige alpine Bordunmusik aus alter Zeit. Er erzählt, wie es dazu kam und über sein größtes Wagnis: Den virtuosen Jodler vom Lederhosenimage zu befreien und in eine neue Zeit zu führen. Klischees zu entlarven ist seine Mission.

Herr Paulus, Sie haben ganz klassisch Klarinette gelernt und daneben autodidaktisch Maultrommel, Dudelsack und Jodeln. Sie bauen keltische Instrumente nach, um zu hören wir sie klingen. Mit Ihrer Band Hotel Palindrone wagen Sie den Spagat zwischen Folk, Jazz, Klassik und elektronischer Musik. Das klingt alles außergewöhnlich und erst mal eher nach „Nische“.

Ja, ich bin ein Nischenjäger. Wenn ich das Wort höre, freut mich das sofort. Es ist etwas Positives.

Wie fanden Sie zur Maultrommel?

Meine Mutter hatte eine Maultrommel zuhause und ich habe sie ausprobiert. Es war glaube ich das erste Musikinstrument, wo ich bewusst einen Ton heraus gebracht habe. Das war faszinierend. Ich war vielleicht fünf Jahre alt. Der erste gelungene Ton hat ja gleich so einen lustigen Effekt. Ich habe dann weiter probiert. Ich denke, das Ausprobieren und die Selbsterfahrung sind ein ganz wichtiger Punkt. Viele Maultrommler sagen, man soll versuchen, das Instrument erst mal alleine spielen zu lassen und schauen was passiert. Dadurch entstehen die verschiedensten Effekte und Töne. Ich habe das als Kind so gut wie möglich ausgelotet. Dann habe ich Aufnahmen im Radio gehört, mit dieser typisch österreichischen Wechseltechnik – oder alpinen Wechseltechnik. Das habe ich probiert und gemerkt, dass es nicht funktioniert und sie dann ad acta gelegt. Mit 19, bei einer Vorlesung auf der Uni für Musikwissenschaft, habe ich gehört und gesehen, dass diese Technik zwei oder mehrere Maultrommeln verlangt. Ich habe sie mir gekauft, …und so ging es weiter. In der Zwischenzeit habe ich eine ganz eigene Technik gelernt, die glaube ich recht schnell und effektiv ist.

Also hat jeder Maultrommler eine eigene Technik?

Jeder hat seinen eigenen Stil. Es gibt zwar drei Basistechniken, aber keine fixe Schule, wie in der klassischen Musik.

Das ist ja eigentlich bei sämtlichen Instrumenten so, die Sie spielen.

Das ist bei sämtlichen Volksmusikinstrumenten so. Es gibt keine, in dem Sinn, akademischen Schulen und deshalb kann jeder machen was er will.

Wie viele Maultrommler gibt es noch?

Oh, das ist extrem verbreitet. Man merkt das immer auf den internationalen Maultrommelfestivals. Es ist erstaunlich. Denn vorerst ist ja jeder Maultrommler ein bisschen einsam auf weiter Flur und glaubt, er erfindet alles neu und ist überhaupt der Beginn der Menschheit – jetzt mal größenwahnsinnig ausgedrückt. Dann kommt er dahinter, dass es noch andere gibt und zwar in aller Welt und in jeder Kultur.

Auch in Australien?

Das ist jetzt der einzige Kontinent wo es das nicht gibt. In Papua Neuguinea aber schon. Und alle treffen sich auf den internationalen Maultrommelfestivals. Da entsteht ein riesiges Sendungsbewusstsein und es bildet sich eine große Familie mit viel Austausch. Ich glaube die Hälfte meiner Facebook-Freunde sind Leute, die ich nicht persönlich kenne, sondern die sich als

Die Maultrommel ist ja ein sehr altes Instrument.

Ja, die frühesten Belege für Stahlmaultrommeln sind aus China um Christi Geburt. Aber das Prinzip ist so einfach und so alt, es dürfte zum allgemein menschlichen Kulturgut gehören. Wie das Feuer. Maultrommeln gibt es weltweit aus Knochen, Bambus und Schilf. Sie wurden ja von Männern und Frauen als Liebeswerbungsinstrument gespielt. Das ist naheliegend. Maultrommeln sind billig, jeder kann es sich leisten. In Österreich war das sehr verbreitet und beim Fensterln gehen das klassische Accessoire. Es gibt eine Sage in Österreich, die handelt von Burschen, die auf silbernen Maultrommeln spielen und die Mädchen verrückt machen. Diese Geschichte wird auch auf Sizilien erzählt, nur viel drastischer. Da werden die Mädchen schwanger und wer schon schwanger ist, verliert das Kind. Man sagte, dass silberne Maultrommeln Zauberkraft haben. Es ist ein Aberglaube, der vielleicht von der Kirche geschürt wurde. Das Fensterln galt als unschicklich und so hat man die Mär in die Welt gesetzt, dass die Maultrommel eine schlechte Wirkung hat.

Waren Sie schon damit Fensterln?

Ja (lacht). Ich habe es ausprobiert, es hat nichts geholfen. Ich bin der Meinung, es gibt Instrumente mit besserer Wirkung. Meine Frau hat die Klarinette bezaubert.

Wurde das Jodeln auch zum „Werben“ verwendet?

Ich glaube nicht. Beim Fensterln würde das ja eher abschrecken… Vielleicht in anderen Kulturen. Da hat es auch andere Funktionen. Bei uns war es vorerst ein Viehlockruf. Man muss sich beim Jodeln trauen, laut zu sein. Es ist eine Ruftechnik. Man muss den Effekt nutzen, wo sich die Bruststimme in die Kopfstimme überschlägt. Das ist schon ein Jodler.

Wie haben Sie Jodeln gelernt?

Meine Mutter hat mir vorgejodelt, ich habe es nachgemacht. Offenbar nicht schlecht. Dann habe ich mir um mein Taschengeld eine Kassette gekauft.“Wann i mein Jodler sing.“ Da waren typische Jodler-Stars der Zeit drauf. Eigentlich schreckliche Musik, aber sehr virtuos. Das habe ich alles mit Leidenschaft nachgejodelt. Ganz intuitiv. Ich habe es spielerisch gelernt.

Jetzt unterrichten Sie auch Jodeln.

Ja, aber auch sehr spielerisch und intuitiv. Ich erkläre nicht viel. Es gibt natürlich Tricks, die sich im Laufe der Unterrichtserfahrung herauskristallisiert haben. Am besten man geht in den Wald, stellt sich hinter Bäume und ruft sich zu. Man muss sich trauen laut zu sein. Eselartige Laute zu machen. Geräusche wie Pferdewiehern. Man muss die eigene Stimme ausloten. Die meisten lernen es draußen viel schneller als in einem Raum. Beim Jodeln gibt es einfache Prinzipien, nach denen Ober- und Unterstimme funktioniert. Wenn man das einmal drinnen hat, dann kann man überall mitjodeln. Es ist ganz toll, wenn man mit simplen Mitteln etwas kreiert, was dann so einen Riesenklang erzeugt. Und man muss nicht singen können, um Jodeln zu lernen. Im Gegenteil. Gute Sänger tun sich oft schwer, weil die Stimme etwas Verbotenes macht: sie kippt.


 

Das Gespräch in voller Länge erscheint in PORTRAIT 1 / 2014.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.