Adele Neuhauser

Adele Neuhauser

Humor adelt das Leben. 

Zum dritten Mal wurde Adele Neuhauser heuer in der Kategorie „beliebteste Seriendarstellerin“ mit der Romy ausgezeichnet. In Deutschland überreichte man ihr für ihre »Tatort« Rolle der Bibi Fellner den begehrten Grimme Preis. Ein Gespräch über Erfolg, Schauspielkunst, Liebe und Glück.

Frau Neuhauser, mit der Bäuerin Julie Zirbner in »4 Frauen und ein Todesfall« ist Ihnen eine sehr unorthodoxe Frauenfigur gelungen. Den ländlichen Hintergrund kennen Sie aus eigener Anschauung.

Ja, ich habe selber sehr lange am Land gelebt, sehr frei und großzügig. In einem alten Bahnwärterhaus in einem sehr idyllischen bayrischen Dorf. Ich habe diese Jahre als sehr reiche Zeit in Erinnerung, vielleicht auch, weil man von so viel Natur umgeben ist. Die Natur relativiert vieles. Sicher, die Nachbarn haben viel mehr Bedeutung, aber das Leben am Land hat ein menschlicheres Maß. Es gibt diesen städtischen Druck nicht, alles haben zu wollen. Und wir hatten viel Platz und ein sehr lebendiges, offenes Haus mit zwei Hunden, einem Kater; und vielen Gästen und Besuchern.

Sie haben in dieser Zeit vor allem Theater gespielt.

Ja, Ich hatte viele Gastengagements, in Mainz, in Erlangen, in Essen. Dazwischen habe ich schon damals immer wieder fürs Fernsehen gedreht. In der Zeit bin ich unglaublich viel gependelt.

Im Stadttheater Regensburg haben Sie dann fast sechs Jahre lang den Mephisto gespielt. Wie fühlt es sich an, „Satan“ zu sein? Diese Frage kann man nicht vielen Frauen stellen.

Es war für mich zwar keine neue, aber dennoch eine grandiose Idee, Mephisto mit einer Frau zu besetzen. Er verliert damit an Festlegung, er wird androgyn. Das Faszinierende an dieser Figur ist ja, dass sie Fragen stellt, dass sie etwas aufzeigt. Die Figur an sich ist nicht böse, aber was sie im Gegenüber auslöst, zeigt das Negative, das Unerledigte, das Nicht-Gelebte. Faust, der so ein intelligenter Mensch ist, ein Suchender, hat vergessen zu leben. Mephisto dagegen ist das satte Leben. Und die Art und Weise, wie er das Unerlöste bei den Anderen in die Gänge bringt, macht ihn zu einem negativen Wesen. Aber an sich ist er ein gefallener Engel. Er sieht wahnsinnig viel, er weiß unglaublich viel, und er gibt jedem die Chance, sich zu entscheiden. Er zwingt nichts auf.

Wie es sich anfühlt? Mephisto hat mir unglaubliche Sicherheit gegeben. Und – das klingt jetzt sehr gefährlich – er hat mir Macht gegeben. Eine Unverletzbarkeit. Da muss man aufpassen, dass man nicht über andere hinweg trampelt. Und damit über sich selbst. In der Auseinandersetzung mit dieser Figur habe ich mich viel mit Satanismus und Schamanismus beschäftigt. Da wurde mir schon klar: es gibt eine andere Realität. Sie ist da.

Wenn wir schon bei Faust sind, stelle ich auch gleich die Gretchenfrage.

Ich glaube nicht an einen Gott. Aber ich glaube an Energie. An das Verbindende. Und auch an das Positive. Wenn eine Gruppe von Menschen zusammenkommt und sich reinen Herzens einer Sache widmet, dann bewirkt das etwas. Aber ich glaube nicht an Verbote. Das ganze Christentum ist ja ein einziges Verbot, ein einziger Schmerz. Daran will ich nicht glauben.

Es ist mutig, die Sicherheit eines Stadttheaters zu verlassen und zum Film zu wechseln.

Für mich war es eigentlich eine einfache Entscheidung. Ich hatte ein wunderbares Angebot für einen Fernseh-Mehrteiler, die »Kirschkönigin«. In Regensburg gab es damals die Idee zu einer Neuinszenierung des »Faust«. Außerdem sollte der »Urfaust« dazu gemacht werden. Das wollte ich nicht mehr. Ich hatte Angst vor dieser mephistolischen Energie, ich wollte mich nicht nochmals auf das Satanische einlassen.

Ich habe sehr gerne Theater gespielt. Mit großer Leidenschaft. Aber dann habe ich mich nach einem anderen Stil gesehnt, nach anderen Mitteln. Ich wollte, dass man mehr von meinen inneren Prozessen sieht. Ich bin trotzdem eine expressive Schauspielerin geblieben. Die ersten Male vor der Kamera hat man versucht, mir das auszutreiben. Oft hieß es: „Das ist zu viel. Mach weniger!“ Das war kein leichter Weg für mich.

Wie haben Sie es geschafft, sich dennoch treu zu bleiben?

Ich glaube das ist kein Verdienst. Es ist einfach so, dass ich gar nicht anders kann.

Gilt das auch jenseits von Bühne und Kamera?

Mittlerweile ja. Ich habe das Gefühl, früher war mein Leben stark geprägt von Scham: sag‘ ich das Richtige, bin ich die Richtige, bin ich am richtigen Ort. Jetzt weiß ich, es kommt nur darauf an, authentisch zu sein. Denn ich bin die, die mich ein Leben lang begleitet. Ich bin mein Lebensmaterial. Wenn ich mit mir ein Problem habe, muss ich das mit Liebe klären und mit Verständnis für mein Selbst – und nicht mit Aggression. Ich möchte mit mir in Frieden sein, und das war ich viel zu lange nicht.

Hilft Ihnen diese Einstellung bei der Gestaltung Ihrer Charaktere?

Ganz sicher. Es ist eine Wechselwirkung. Ich liebe ja Charaktere, die geprägt sind von Ambivalenzen und Wiedersprüchen. Ich muss bei meinen Figuren auch das Negative und das Störende lieben, damit ich sie spielen kann. Wenn ich aber mich selbst nicht annehme, dann kann ich diese Figur nicht annehmen. Es ist wie im Leben: wer sich selbst nicht liebt, kann andere nicht lieben.

Max Frisch hat gesagt: „Liebe heißt, sich gegenseitig (staunend) zu begleiten in all seinen Entfaltungen…“

Schön! Das habe ich im Laufe der Jahre begriffen: Warum liebt man einen Menschen? Weil dieser Mensch etwas in dir auslöst, was du selbst an dir schätzt. Wenn du dich in der Gegenwart des Anderen als etwas Besonderes und Brillantes fühlst, dann ist die Möglichkeit der Liebe sehr groß.

Max Frisch sagt weiter: „…Wenn man aber den Anderen beschreiben kann, durch und durch, dann ist man fertig mit ihm. Und auch mit der Liebe.“

Ja, wenn man die Neugierde aufeinander verliert, ist es vorbei.


 

Das Gespräch in voller Länge erscheint in PORTRAIT 1 / 2014.

 

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